Druckschrift 
Abth. 2, Das Mittelalter Bd. 2 (1885) Von der Einführung der Feuerwaffen bis zum 30jährigen Kriege : (1350 - 1618)
Entstehung
Seite
622
Einzelbild herunterladen
 

622 III. Von Einführung der Feuerwaffen bis zum dreissigjährigen Kriege etc.

§. 203.

Krieg im Jahre 1610. — Belagerung des Troizko-Sergjejew-Klosters

(Sehluss), und von Smolensk (Fortsetzung). Die Sehlacht von

Kluschina am 24. Juni.

So hatten sich vom Ende 1609 und Anfang 1610 die Umstände sehrzu Gunsten Wassilji's und Eussland geändert. In dem Maasse wieder Betrug ermattete und erlosch, stellte sich die Macht des Gesetzeswieder her; die Geister waren noch in grosser Aufregung, neigten sichaber doch mehr und mehr auf Wassilji's Seite. Während der ver-dienstvolle Skopin mit jedem Tage seine Kräfte und die Zahl der An-hänger der gesetzmässigen Regierung vermehrte, erregten die Polen desPrätendenten, Kasaken und russischen Verräther, welche das Land aus-sogen und verwüsteten, in demselben den allgemeinen Hass gegen sichund den Urheber des über das Volk gebrachten Elends. Der treuloseEinfall Sigismund's in das russische Gebiet, mit der offenkundigenAbsicht sich die Gewalt in Russland anzueignen, hatte zwar auf der einenSeite der Zahl der inneren Feinde Russlands, — des Prätendenten undder russischen Rebellen — , noch einen äusseren und stärksten hinzuge-führt, andrerseits aber doch mehr Nutzen als Nachtheil gebracht. Dieerste Folge davon war, dass des Prätendenten Polen, Kasaken und rus-sische Rebellen, von diesem abfallend und Sigismund beitretend, sichvon Tuschino und Moskau vor Smolensk abzogen, der Usurpator nachKaluga geflohen war, und Sigismund nicht an Stelle des Prätendenteneintreten noch gleich ihm zahlreiche russische Anhänger in Russlandfinden konnte, im Gegentheil alle Russen gegen sich haben musste, alsden geschworenen Feind Russlands, der auch nicht das geringste Anrechtan den russischen Thron besass. Schon bei seinem ersten Eintritt in dasrussische Gebiet hatte er, Smolensk belagernd, erfahren, wie grausamer sich in seiner Hoffnung auf die gutwillige und leichte Unterwerfung-von Russland getäuscht hatte. Die hartnäckige Vertheidigung von Smo-lensk durch Schein kettete den König lange vor diese Stadt, währendMoskau, und bald auch die Troizko-Sergjejew-Lawra frei gewordenwaren und Wassilji seine Hauptmacht gegen Sigismund kehrenkonnte. Aber leider war damit dem Leiden Russlands noch kein Endegesetzt: es musste deren noch lange und viele erdulden, bevor es sichvollkommen von inneren und äusseren Feinden freigemacht hatte undendlich unter dem Schutze einer rechtmässigen und dauerhaften Regie-rung zur Ruhe kommen konnte.