462 HI. Von Einführung der Feuerwaffen bis zum dreissigjährigen Kriege etc.
demselben Jahre begaben die, von russischen Truppen vor den Mauernvon Keval bedrängten Revalschen, sich mit ganz Esthland unter denSchutz des Königs Erik XIV. von Schweden, Sohnes und NachfolgersvonG-ustav Wasa. Im November 1561 aber ging Livland zu Polenüber, unter Wahrung aller seiner Rechte, K e 11 e r erhielt als erbliches Be-sitzthum Kurland und Semigalia (Semgallen) mit der Ernennung zum Herzogund Lehns-Pflicht gegen den König von Polen. So hatte der livländischeOrden sich aufgelöst und seine Besitzungen zerfielen in 5 Theile: deröstliche an der russischen Grenze war durch russische Truppen besetztund Johann unterworfen, der nördliche Erik von Schweden, — Eseljdem Magnus von Dänemark, — Kurland aber und Semigalia bildetendas polnische Lehns-Herzogthum Ketler's. Diese Theilung Livlandswurde jedoch nicht allein nicht bestätigt durch die Einwilligung der be-theiligten Seiten, sondern sie führte zu fortdauernder Mitbewerbung der-selben, namentlich Kusslands und Polens. Johann und SigismundAugust wollten gleichermaassen ganz Livland ungetheilt beherrschen,die Könige von Dänemark und Schweden waren ihnen feindlich undkeineswegs geneigt ihnen ihre Besitzungen in Livonien zu überlassen.Die Folge davon war ein 20j ähriger blutiger Krieg zwischen Kusslandauf der einen, Polen und Schweden auf der andern Seite.
Welche günstige Gelegenheit hätte sich indessen Johann darge-boten, ganz Livland noch während des Krieges 1558—60 zu erobern,wenn nur die Art der Kriegführung eine andere gewesen wäre. Anstattdie bedeutende Ueberlegenheit an Streitkräften und besonders Artillerieunter Führung erfahrener und geschickter Feldherren, den Verfall unddie Ohnmacht des Ordens, sowie die noch nicht erfolgte Einmischungvon Polen, Schweden und Dänemark in die livonischen Angelegen-heiten zu benutzen und einen regelrechten Krieg zu fuhren unter be-ständigem Vorrücken von Ost und Süd und dauernder Festsetzung inLivland, alle Städte, hauptsächlich die wichtigsten, die Festungen undBurgen von Livland zu besetzen, —• führten Johann's Wojewoden,seinem Willen gehorchend, ohne selbst die Grenzen zu kennen, und inFurcht vor seinem Zorn, der immer wilder und grausamer wurde, denKrieg in vollständig anderer Art. Und zwar einen Krieg — offensiv,verheerend, vernichtend, barbarisch, in asiatisch-tatarischer Weise, aberohne eine Spur von den geschickten Entwürfen und Handlungen einesDshingis-Khan und Tamerlan. Livland verheeren und aussaugen,seine Ansiedelungen und Einwohner vernichten, — um den Orden zurUnterwerfung zu zwingen, — das konnte wohl asiatischen Erobererneigenthümlich sein, hätte aber den Herren eines Landes fern bleibensollen, das schon seit 100 Jahren das Tataren-Joch abgeschütteltund Annäherung und Fühlung mit West-Europa gesucht hatte. Diese