Bemerkenswertheste Kriege und Feldzüge. 453
ängstlich, unentschieden und eigensinnig war, und deshalb wird dasVersäumen dieser günstigen Gelegenheit zur Unterwerfung der Kiymund damit zur Abwendung des folgenden 200 jährigen Kampfes mit der-selben von Jenen dem Johann zum grossen Fehler angerechnet.
Solowjew aber und andere unsrer Historiker der neuesten Zeitsehen die Sache anders an und wohl richtiger. Solowjew nimmt an,dass, obgleich bei den letzten Unternehmungen gegen die Krym (bis1559) die Ohnmacht derselben zu Tage trat, so doch die beständige Ge-fahr plötzlicher verheerender Einfälle der Krymzer eine stete Bereithal-tung des russischen Heeres zu deren Abwehr erforderlich machte, unddas war bei der damaligen Kriegs-Organisation des russischen Keichesund Heeres schwierig und drückend. Die Züge nach Kasan und Astra-chanwaren dadurch erleichtert worden, dass die volkreichen LandstricheKasans sich mit den bevölkerten russischen Distrikten berührten, und sogardie weniger volkreichen kasanschen Bezirke in ihren Flüssen und Wäl-dern reiche Verpflegungs-Quellen für die zahlreichen russischen Heere,in den Flüssen Moskwa, Oka, Wjätka, Kama und Wolga bequeme Wegezum Transport dieser Heere, der Waffen, Kriegs- und Proviant-Vorräthedarboten, und die Wolga namentlich nach Unterjochung von Kasan einegünstige Operationslinie gegen Astrachan bildete. Die Krym aber warvon den russischen Süd-Grenz-Gebieten, welche bei Tula und Pronskbegannen, sehr weit entfernt (von Tula bis Perekop 1175 Werst, vonPronsk dahin 928 Werst) und durch volksarme unbebaute Steppen ge-trennt, welche zu durchziehen für ein starkes russisches Heer in seinerdamaligen Zusammensetzung und Organisation unmöglich, oder wenig-stens sehr schwierig war. Die vereinzelten Unternehmungen Rshews-ki's und Wischnewetzki's in Form von Einfällen, leichten Streif-zügen auf Flussschiffen den Dnjepr und Don hinab konnten nicht alsBeispiel für grosse Expeditionen angesehen werden. Aber selbst wennman annehmen wollte, dass die Unterwerfung der Krym möglich war undausgeführt wurde, wie war es möglich, sie dauernd zu behaupten? Wenndie Unterjochung der die Provinz Kasan bewohnenden Stämme nachBezwingung der Stadt noch 5 Jahre grösster Anstrengungen und einesVernichtungs-Krieges erforderte, wie viel grössere Anstrengungen undOpfer würde dann die Unterwerfung und dauernde Behauptung derKrym gekostet haben ? Dies würde alle noch unabhängigen Kräfte derTataren an den Küsten des schwarzen, Asow'schen undKaspischen Mee-res in Aufregung gebracht und einen mühe- und gefahrvollen Krieg mitder Türkei entzündet haben, welche damals auf so hohem Gipfel derMacht stand, dass West-Europa vor ihr zitterte, — und der Krym-Khanals mohamedanischer Herrscher und Unterthan des Sultans sah, wieauch alle südlichen Tataren, in Letzterem ihr geistliches und weltliches
Galitzin, Allgem. Kriegsgeschichte II. 2. 30