Das russische Reich (1462—1613). 317
wurde in der Folge, mit der gleichzeitigen Kriegsorganisation West-Euröpa's verglichen, ein vollkommener Anachronismus. Die numerischeStärke der Volksaufgebote konnte die regelrechte Ausbildung stehender,wenn auch schwächerer, Heere nicht ersetzen. Die Eegelung der gegen-seitigen Beziehungen der Wojewoden vermochte die Entwicklung derMjästnitschestwo nach ihrem halbasiatischen Charakter nicht ein-zuschränken, geschweige denn ganz zu verhindern. Die strenge militä-rische Disziplin, mit der körperlichen und Todesstrafe im Verein, wardoch nicht im Stande, aus den damaligen, aus allen Klassen gebildeten,wenn auch zahlreichen russischen Opoltschenien ein im strengeren Sinnedisziplinirtes Heer zu scharfen. Die ersten^Versuche einer Errichtungvon stellenden fremden Truppen auf Sold waren sehr geringfügig, sowohlnach der Zahl wie nach der' Beschaffenheit der fremden Söldner. Manmuss noch hinzufügen, dass die Ehe zwischen Johann III. und SophiePaläologus, Nichte des letzten konstantinopelschen Kaisers Kon-stantin Paläologus, Tochter seines Bruders Thomas, in einer Hin-sicht von Vortheil, in einer andern nicht ohne Schaden war. Wenn aufSophia's Rath Johann III. das tatarische Joch abschüttelte und einselbstständiges russisches Reich in ähnlicher Form wie das zerfallenebyzantinische Reich sie besessen, gründete, so trat andrerseits zu demnoch auf lange fühlbaren tatarischen Einflüsse noch der des soeben unterdem türkischen Ansturm zerbrechenden, aber schon seit geraumer Zeittief gesunkenen und sittlich verkommenen byzantinischen Reiches hinzu,welches selbst während 9 ] / 2 Jahrhunderte eine halbasiatische Monarchiegewesen war. In kriegerischer Beziehung bleibt zwar eine direkte byzan-tinische Einwirkung auf die äusseren Formen und den inneren Geist derllecresverfassung in Russland nicht nachzuweisen, aber ein Vergleichzwischen letzterer und der des byzantinischen Reiches seit dem 5. Jahr-hundert ergiebt doch mancherlei Aelmlichkeiten (siehe Allgemeine Kriegs-geschichte des Alterthums V. Theil, und des Mittelalters Theil I und II).Die Vermischung des byzantinischen mit dem noch fühlbaren tatarischenEinflüsse überwand und schwächte die einseitige und unzulängliche Ein-wirkung von West-Europa ab, welche sich auf die iVufnahme von wenigenKünstlern, Technikern und fremden Kriegssöldnern beschränkte. DasAlles entstand unzweifelhaft unter dem Druck besondrer Umstände, aberdoch nicht ohne Zustimmung und Betheiligung von Johann III. Mitdem Volke übereinstimmend in der Anhänglichkeit an das vaterländischeAlte, aber auch in der durch das "200 jährige mongolo-tatarische Jochentstandenen Entfremdung von dem Einflüsse der Ausländer, d. h. Deut-schen, West-Europa's überhaupt, schloss Johann III, während er dastatarische Joch abwarf, sich nicht zugleich entschieden an West-Europaan, wenigstens nicht in militärischer Beziehung, wodurch er grössere