Kriege Ost-Kusslands. 269
die 3. Stunde des Nachmittags gekommen, und noch hatte sich der Siegweder auf die eine noch auf die andere Seite geneigt. Doch begannendie Tataren in Folge ihrer überlegenen Zahl die Oberhand zu gewinnen.Einige junge und unerfahrene russische Krieger glaubten Alles für ver-loren, hielten nicht mehr Stand, sondern wendeten den Rücken, und diesie verfolgenden Tataren drangen bis zum Grossen Banner vor, aber diedasselbe schützenden russischen Edelleute setzten ihre äusserste Kraftein und trieben die Tataren zurück.
Inzwischen brannte Wladimir Andrej ewitsch im Hinterhaltevor Ungeduld, sich in den Kampf zu stürzen: »Zu was stehen wir hierunthätig?«_rief er Dimitrji Wolhynski zu, »wem sollen wir noch hel-fen , wenn die Feinde unser ganzes Heer erschlagen haben werden?« —Aber der kluge und erfahrene Wolhynski, mit scharfem Blick denGang der Schlacht verfolgend, hielt den ungestümen Wladimir An-drejewitsch zurück; bemerkend, dass der Wind dem russischen Heeregrade ins Gesicht blies, verbot er dem Reserve-Regiment aus dem Waldeherauszutreten, indem er sagte: »dass dies noch nicht der Wille Gottessei.« Plötzlich aber drehte sich der Wind und blies den Tataren insGesicht .... »Jetzt ist der Augenblick da! Vorwärts mit Gott!« — riefWolhynski mit lauter Stimme, und wie der Blitz fuhr das Reserve-Regiment aus seinem Hinterhalte hervor in die Tataren, der gewaltigeund vollkommen unerwartete Angriff dieser frischen Truppen auf diedurch den langen Kampf ermüdeten Tataren erschreckte und überwältigtesie und entschied mit einem Schlage den Sieg für das russische Heer.Das ganze tatarische Heer wendete*den Rücken und floh. Mamai warzu Anfang der Schlacht mit seinen vornehmsten Mursen auf einen hohenPunkt geritten und hatte die Schlacht von da lange beobachtet, als eraber das russische Reservecorps vorbrechen und die Seinigen fliehen sah,ergriff er selbst zuerst die Flucht. Von den Russen scharf bis zum FlusseKrassiwa-Metsch (rechter Zufluss des Don, 30—40 Werst vom Kuliko-woer Felde) verfolgt, kamen die Tataren unter den Streichen derselbenum, oder ertranken in Menge in diesem Flusse. Der weiteren Verfolgungmachte die hereinbrechende Dunkelheit sowie die ausserordentliche Er-müdung der russischen Truppen ein Ende.
Die Niederlage der Tataren wie der Sieg der Russen war vollkom-men und entscheidend, aber um den schweren Preis zahlreicher Todterund Verwundeter erkauft. Eine Angabe besagt, dass von 400000 Mannnur 40000 am Leben geblieben seien, d. h. also 7io> uwl dass aufbeiden Seiten an 200000 Leichen das Schlachtfeld bedeckt hätten. Aberdas ist nicht zu glauben: unzweifelhaft ist nur, dass der Verlust desrussischen Heeres colossal war, und nicht ohne Grund behielt die Schlachtvon Kulikowo im Volksmunde die Bezeichnung »Mamai's Schlächterei«,