234 HI. Von Einführung der Feuerwaffen bis zum dreissigjährigen Kriege etc.
sich mit der Erbin des polnischen Thrones, der 15jährigen Jadwiga(Hedwig), Tochter Ludwig's, Königs von Ungarn und Polen, ver-mählte, — den Thron von Polen und vereinigte dadurch, oder richtigerverband gewaltsam Lithauen und Polen. Lithauen, dessen Schicksalnun mit demjenigen Polens verknüpft war, konnte jedoch sich weder mitdiesem vollkommen verschmelzen, noch auch sich von demselben tren-nen, und war dadurch nicht allein verurtheilt furchtbare innere Unruhendurch zu machen, sondern sogar häufig gegen das ihm blutsverwandteund gleichgläubige Ost-Russland zu den Waffen zu greifen.
Deshalb zeigen auch Kriegsorganisation und Heerwesen in demselbenwährend dieser und der folgenden Perioden 2 von einander verschiedeneCharaktere. Zunächst tragen sie noch die früheren alt-russischen Zügeund Grundlagen, nur dass die Alleinherrschaft der Grossfursten vonLithauen und Russland eine grössere Einheit, Uebereinstimmung undKraft hineinbrachte, als dies in Ost-Russland zu dieser Zeit 'und biszur Mitte des 15. Jahrhunderts der Fall war. Die Bürgerkriege Ja-gello's mitWitold (1392—1430), dem Sohne Keistug's und EnkelGedimin's, und mit seinem Bruder Swidrigail (1430—34), dannSwidrigail's mit Sigismund, dem Bruder Witold's (1434—40) umden Thron und die Selbstständigkeit Lithauens brachten in Kriegsver-fassung und Heerwesen desselben keinerlei Veränderung hervor, selbstnicht unter Kasimir IV. (1440—92), Jagello's 2. Sohne, der bis zumJahre 1447 Grossfürst von Lithauen und Russland und von 1447 an Königvon Polen war. Kasimir, welcher nur widerstrebend eingewilligthatte, König von Polen zu werden, konnte nicht eher aus Wilna nachKrakau zur Krönung aufbrechen, bis er sich eidlich verpflichtet hatte,alle Akte der Vereinigung zwischen Lithauen und Polen umzustossenund alle Rechte des lithauischen Volkes, kirchliche wie staatliche unan-tastbar zu lassen. Deshalb bewahrten auch Kriegsverfassung und Heer-wesenin Lithauen in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts ihren altrussischenCharakter, der sich wenig von dem Ost-Russlands damaliger Zeit unter-schied. Aber seit dem 16. Jahrhundert und besonders dem Ende des-selben, als Lithauen definitiv mit Polen vereinigt wurde, machte sichPolens Einfluss, wie später dargelegt werden soll, geltend und prägtedem Heerwesen und der Kriegsorganisation Lithauens statt des bisheri-gen lithauisch-russischen Charakters einen lithauisch-pol-nisehen auf.