Kriegsverfassimg und Kriegskunst im Besonderen. 65
jeder Bürger verpflichtet zum städtischen Kriegsdienste mit eigenerRüstung und Waffen, durfte nicht in fremde Dienste treten, noch Waffenan Fremde geben. Die reicheren Bürger (Bürgergleven, Constabler)dienten zu Pferde, die übrigen zu Fusse, die ärmsten als Kriegs-Erd-arbeiter oder Pionire. Jede Zunft hatte ihr Waffenmagazin und bildeteeine besondere Abtheilung des städtischen Heeres unter der Führungihres Zunftmeisters. Oberbefehlshaber war der Bürgermeister oder einbesonderer Stadthauptmann (capitaneus). Die städtische Fahne trugeiner der Rathsherren. Drohte Gefahr von einem Feinde, so wurden durchPaukenschläge oder Trommelsignale alle Bürger veranlasst, sich unge-säumt zu bewaffnen, auf die Sammelplätze zu eilen und sich von den-selben nicht zu entfernen, bei Strafe einer Geldbusse oder sogar von Ge-fängniss. Als die Bevölkerungszahl und die Wohlhabenheit der Städtesich vermehrte und ihre Mittel zur Anwerbung von Truppen zunahmen,wurden ihre Streitkräfte mehr oder weniger bedeutend. So z. B. warenin Aachen i. J. 1387 bei einer Musterung 19826 Mann, und in Strassburgbefanden i. J. 1302 sich die Mauern, Thürme und Thore in bester Ver-fassung und zu deren Vertheidigung waren 20000 Mann städtischer, gutbewaffneter und organisirter Truppen vorhanden. In allen Städten warendie Truppen beständig mit verschiedenen kriegerischen Uebungen, Schei-benschiessen mit Bogen, später mit Feuerwaffen, mit Fechten mit Schwertund Pike, mit Instructionen, Evolutionen u. s. w. beschäftigt.
Zu diesem Behufe gab es in allen Städten Reiter-, Schützen- undFechtvereine, welche ihre eignen Statuten besassen, und deren vielegrosse Berühmtheit erlangten. Alljährlich wurden über die Truppenstrenge Besichtigungen in allen Theilen und Hinsichten abgehalten. DieHauptmacht der städtischen Truppen bildete das Fussvolk, weit geringerwar die Reiterei, aber die Reichsstädte warben in ihren Kriegen gegendie Reichsfürsten und Edelleute Miethsreiterei, bei welcher zu dienenselbst die vornehmsten Leute sich nicht schämten. Ausserdem verstärk-ten die städtischen Truppen durch Aufnahme von Ausbürgern (Gleven-bürgern) in dieselben, d. h. von solchen Leuten, die ohne in der Stadtzu wohnen dennoch daselbst Bürgerrechte genossen und deshalb auchdie Kriegspflichten derselben mit übernommen hatten. Die Fahne derReichsstädte mit dem Bilde der Mutter Gottes mit dem Jesuskinde trugengewöhnlich die Strassburger.
Diese hier geschilderte Kriegsorganisation städtischer Truppen waram meisten in den Reichsstädten entwickelt. Nach ihrem Muster aberexistirte sie auch in andern grossen Städten, wie z. B. Wien, Mün-chen u. s. w.
Den höchsten und blühendsten Stand erreichte jedoch die Kriegs-verfassung des Städtebundes der Hansa, welcher im 14. und 15. Jahr-
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