42 III. Von Einführung der Feuerwaffen bis zum dreissigjährigen Kriege etc.
und seltener als die früheren Wurfmaschinen im Festungskriege ange-wandt. Ludwig XI. suchte sie zu erleichtern, ihre Gestelle zu ver-ändern und sie zum Feldgebrauche geeigneter zu machen. Die Festungs-und Belagerungsgeschütze waren unter ihm von ungeheurem Kaliber undwarfen enorme Projectile auf grosse Entfernungen.
Von Karl dem Kühnen, Herzog von Burgund, entnahm Ludwig XLfür den Gebrauch im Kriege eine besondere Art Fahrzeuge, welche dieBurgunder ihrerseits von den Schweizern und Hussiten entlehnt hatten.Sie dienten zum Fortsehaffen der Kriegsbagage wie zur Bildung vonWagenburgen, um die Truppen und Heere im Felde zu schützen.
Obgleich unter Ludwig XL die Kriegskunst praktisch noch aufeiner sehr niedrigen Stufe stand, so wurde sie doch schon Gegenstandtheoretischer Forschungen. Ein Beweis dafür ist das merkwürdige mili-tärische Werk: »Le rozier des guerres«, zum Unterricht für den Dauphin,den späteren König Karl VIII. zusammengestellt, — nach den Einendurch Ludwig XL selbst, — nach Andern — durch einen gewissenEtiennePorchier. Es enthält viele sehr gute Bemerkungen, die demVegetius entnommen zu sein scheinen.
Nach Ludwig's XL Tode wurde unter seinem Sohne und NachfolgerKarl VIII. auf Verlangen der etats-generaux zu Tours i. J. 1484 behufsErleichterung der militärischen Pflichten beschlossen, fortan nur 15 Or-donnanzcompagnien, d. h. 1500 gensd'armes und 7500 Waffenträger(Stallmeister), Diener und berittene Schützen zu unterhalten und dem-gemäss auch die Zahl des Fussvolks zu vermindern. Ausser dieser Ver-änderung und der schnellen und erheblichen Verbesserung der Artilleriegeschah unter diesem Fürsten keine Aenderung in dem Bestände, derOrganisation und Kampfart der Truppen.
Die Vervollkommnung der Artillerie verdient besondere Beachtung.In dem Feldzuge von 1494 in Italien hatte Karl VIII. schon eine Feld-artillerie von 36 Broncegeschützen auf Laffeten, ähnlich der heutigen,und über 100 Falconets und Coulevrines. Die grössten von diesen Ge-schützen waren 8 Fuss lang, 1000 Pfund schwer, und schössen eiserneKugeln von der Gross« eines Kinderkopfes (nach der Angabe von Zeit-genossen), — die kleinsten solche von der Grösse eines Granatapfels.Alle, mit guten Pferden bespannt, waren so leicht beweglich, dass siebequem allen Bewegungen der Truppen, sogar der Cavallerie folgenkonnten, und sie erregten Erstaunen durch die Schnelligkeit, mit welchersie ihre Schüsse abgaben. Die zeitgenössischen Schriftsteller rühmen dieOrganisation der Artillerie Karl's VIII. , die Schnelligkeit ihrer Beweg-ungen und die Sicherheit ihres Schiessens, wodurch sie die gerechte Be-wunderung und Furcht der Italiener erregten, welche an schwere Bom-barden ohne Laffeten auf mit Stieren bespannten Wagen gewöhnt waren.