248 HI. Vom Tode Alexander's d. Gr. bis zu Augustus (323—30 v. Chr.).
der Anhöhe liegenden Schluchten abziehen. Nachdem er ihnen mög-lichst viel Vorsprung gelassen, jagte er dann mit der Reiterei auf ver-borgenen Wegen davon, sodass die Römer nicht einmal wussten, wo-hin er sich gewandt hatte. Da er indessen sah, dass seine Verbündeteneiner nach dem andern von ihm abfielen und dass es ihm mit jedem Tageschwerer werde den Krieg zu führen, so erachtete er es klüger, aufs Neuemit den Römern Frieden zu schliessen, knüpfte Unterhandlungen mitihnen an und war so sehr zum Frieden geneigt, dass er sogar des Cäpioerste Forderung erfüllte, indem er demselben die vornehmsten Bürgerder mit ihm (Viriathus) verbündeten Städte auslieferte. Aber auf desCäpio zweite Forderung, die Waffen abzuliefern, wollte weder Viriathusnoch sein Heer eingehen, und der Krieg begann aufs Neue. Indessenwünschte audi Cäpio den Frieden nicht weniger als Viriathus, denn erwar bei der römischen Armee wegen seines Stolzes und seiner Grausam-keit verhasst, und wäre einmal in seinem Zelte beinahe von seinenTruppen lebendig verbrannt worden. Da er aber den Krieg nicht aufehrliche Weise zu Ende zu fuhren vermochte, so griff er zu Verrath undMeuchelmord; er erkaufte zwei Freunde des Viriathus, welche der Letzterezu Cäpio geschickt hatte, um über den Frieden zu unterhandeln, und sieermordeten Nachts den in seinem Zelte schlafenden Viriathus.
So endete dieser ungewöhnliche Mensch, der aus niederem Standegeboren, keine Bildung erhalten hatte, aber durch die Macht seiner natür-lichen Gaben von einem Räuberhauptmann sich zu der Höhe eines Volks-führers emporgeschwungen, der es gewagt, sich mit den Römern in offnenKampf einzulassen, und zehn Jahre lang mit Erfolg, Ehre und Ruhmihnen widerstanden, ja sie gezwungen hatte vor seinem Namen schon zuzittern; und der in seinen Operationen die Fähigkeiten, den Muth unddie Kunst eines ausgezeichneten Feldherrn bekundet hatte! Selbst dieRömer, welche ihn verächtlich latro, latronum dux (Dieb, Räuber-hauptmann) nannten, konnten ihm doch nicht die schuldige Gerechtigkeitversagen, und ihre Historiker: TitusLivius, Appian, Dio Cassius u. s.w.zollen ihm grosses Lob. Mit ungewöhnlicher Festigkeit des Körpers aus-gerüstet, war er unempfindlich gegen Schnee, Kälte und Unwetter, imStande die äussersten Entbehrungen und Mühen zu ertragen, ausser-ordentlich massig und enthaltsam, und führte ein höchst thätiges und ein-faches, ja strenges Leben. In ihm vereinte sich ein feiner schlauer Ver-stand und die Gabe, rasch und zweckmässig zu disponiren, mit einemstarken festen Willen und einer ungemeinen Kühnheit, Unternehmungs-lust und Entschiedenheit des Charakters. Bei Beschwerden unermüd-lich, unerschrocken in Gefahren, tapfer im Kampfe, zeichnete er sichdurch die Gabe aus, dass er seine Krieger an sich zu fesseln wusste,ihnen unbegrenzte Liebe und Vertrauen zu ihm selbst einflösste und sie