29. Der zweite punische Krieg (218—202). 219
Vorwurf ist ebenso ungegründet, wie einige andere von ähnlicher Art,und Hannibal hat hinlänglich bewiesen, sollte man meinen, dass er ausseinen Siegen alle Vortheile zu ziehen verstand, welche nur irgend denUmständen, in denen er sich befand, den Kräften, über die er verfügte,und dem Hauptziele, das er anstrebte, entsprachen; den im Kampfe be-siegten Feind verfolgend, wenn Anlass dazu vorlag und die Verhältnissees gestatteten, und zwar mit Schnelligkeit, Ausdauer und Nachdruck,Hess er sich dennoch, ebenso wie Alexander der Grosse, nicht vomSiegestaumel fortreissen und begnügte sich meistentheils mit der Ver-treibung des Gegners vom Schlachtfelde oder dessen Verfolgung auf kurzeStrecken. Aber dann kam noch eine Eigenthümlichkeit zum Vorschein,welche einen der hervorragendsten und bemerkenswerthesten Züge indem Verhalten Hannibal's im Kampfe, wie im Kriege überhaupt, bildete,nämlich seine nach jeder Art von Erfolg noch mehr als nach einem Miss-erfolge verdoppelte Vorsicht und Wachsamkeit.
In Bezug auf Belagerungskunst steht Hannibal gegen Alexander denGrossen, wie gegen viele andere Feldherren des Alterthums zurück, undkeine seiner vielen Belagerungen, mit Ausnahme derjenigen von Sagunt,verdient eine besondere Beachtung. Aber das rührt keineswegs etwadavon her, dass Hannibal nicht ein geschickter Belagerer gewesen wäre,sondern davon, dass er überhaupt nicht liebte Städte zu belagern odereinzuschliessen und dies möglichst vermied, theils weil seine Soldatendazu wenig geneigt und geeignet waren, theils weil er die dazu erforder-lichen Maschinen, Geräthe und Materialien nicht bei sich hatte, theilsauch weil er Zeit ersparen und seine Krieger schonen wollte. Aus allendiesen Ursachen zog er es vor, die Städte entweder offen mit stürmenderHand oder durch plötzlichen Ueberfall zu nehmen, noch lieber aber durchgeheimes Einverständniss oder Unterhandlungen mit den Einwohnern,oder mit Hülfe von Verrath, Bestechung oder sonstigen Kriegslisten sichihrer zu bemächtigen. Seine einzige grosse Belagerung, die von Saguntim Jahre 219, wurde, wenn auch mit grosser Anspannung der Kräfte undEnergie, dennoch mit weit mehr Mühe und Verlusten als Erfolg geführt,bis zu dem Zeitkunkt, da er, der Belagerung überdrüssig, die Stadt undBurg in einem fünftägigen ausserordentlich blutigen Sturm eroberte.
Schliesslich dürfte es nicht überflüssig sein, anzuführen, dass einigeSchriftsteller, auf des Titus Livius und anderer römischer Historiker Ur-theil fussend, Hannibal mit seinem und Karthagos Besieger, ScipioAfricanus, vergleichen. Der Letztere war unstreitig ein ungewöhnlicherMensch, ein ausgezeichneter Politiker und Feldherr. Er war mit einemvortrefflichen Geiste und ausgezeichneten Eigenschaften der Seele aus-gerüstet: Güte, Leutseligkeit, Gerechtigkeitsliebe, hochherziger Sinn,welche, mit Freigebigkeit verbunden, ihm die unbegrenzte Liebe seiner