220 HI. Vom Tode Alexander's d. Gr. bis zu Augustus (323—30 v. Chr.).
Krieger, die Anhänglichkeit seiner Verbündeten erwarben. Gleich Han-nibal lebte er einfach, massig, thätig, hielt stets strenge Subordinationund Ordnung unter seinen Truppen, verstand seine Pläne geheim zuhalten, Charakter und Absichten seiner Gegner zu durchschauen, seineHandlungen ihnen anzupassen, in geschickter Weise Kraft mit List zuvereinen, war ein ausgezeichneter Taktiker, tapfer in der Schlacht ohneTollkühnheit, unerschrocken in Gefahren, unermüdlich bei Strapazen, erhatte endlich eine ungewöhnliche Rednergabe und besass die Kunst, dieGemüther leicht und geschickt zu lenken. Einen unwiderleglichen Be-weis seiner hohen Kunst als Politiker wie als Feldherr geben alle seineHandlungen in Hispanien und Afrika, namentlich sein Plan, den Kriegdurch Uebertragung nach Afrika zu beenden, und seine Ausführungdieses Planes. Aber gleich Alexander dem Grossen führte er unter un-vergleichlich günstigeren Verhältnissen, als Hannibal, Krieg. Wederin Hispanien, noch in Afrika befand er sich, wie Hannibal, in dem Mittel-punkte eines so mächtigen Staates wie Rom, er hatte sich gegenüberweder so vortrefflich organisirte und geschulte Truppen wie die römi-schen, noch Feldherren, welche an Fähigkeiten und Kriegskunst den-jenigen gleich oder auch nur ähnlich waren, welche die Römer nach derSchlacht bei Cannä dem Hannibal entgegenstellten. Im Gegentheil hatteer in Hispanien wie in Afrika nur schlechte oder gar nicht geschulte,wenn auch tapfere Truppen und — ausser Hannibal's Bruder Hasdrubal inHispanien und Hannibal selbst in Afrika — nur sehr mittelmässige Feld-herren gegen sich. Dies kann natürlich Scipio's Verdienste als Feldherroder seine Kunst zu operiren und Krieg zu führen, nicht im Mindestenschmälern, und er muss billig in die Reihe der besten und bedeutendstenFeldherren des Alterthums aufgenommen werden. Aber ebenso ist esbilliger Weise unmöglich, ihn auf gleiche Stufe mit Hannibalzu stellen, wie Titus Livius und andere römische Historiker aus National-Eitelkeit und Hass gegen Hannibal dies zu thun sich angelegen seinHessen, wie es sogar Polybius aus persönlicher Zuneigung und Freund-schaft für Scipio thut und selbst neuere Historiker es versuchen, welcheJenen darin zu sehr folgen. Die römischen Historiker sagen sogar, dassHannibal in der Unterredung mit Scipio gelegentlich ihrer persönlichenZusammenkunft vor der Schlacht bei Zama *) sich selber die dritte Stellenächst Alexander dem Grossen und Pyrrhus vindicirt und auf Scipio'sFrage: »Was er (Hannibal) sagen würde, wenn er ihn (denScipio) besiege« geantwortet habe: »dann würde er höher als
*) Diese Unterredung soll erst im Jahre 193 in Ephesus stattgefunden haben,wo Hannibal im Auftrage des Königs Antioehus von Syrien sieh befand, währendSeipio im Gefolge der römischen Gesandten Sulpicius und Villius ebendorthin ge-kommen sei. S. Livius 35. Buch, 14. Kapitel. Anmerkung des Uebersetzers.