29. Der zweite punische Krieg (218—202). 203
rageurs und detachirte Abtheilungen agiren, einander die Subsistenz-mittel zu entziehen, die festen Städte im Innern des Landes oder an derSeeküste zu entreissen suchen, bisweilen mit kleinen Heerestheilen siehin einen theilweisen Kampf einlassen, seltener in eine grosse Schlachtim offenen Felde, und dies etwa nur dann, wenn sich dazu eine beson-ders günstige Gelegenheit bot oder wenn es für den einen oder anderenTheil absolut unmöglich war, die Schlacht zu vermeiden. Eine solcheArt von Kriegführung war, man kann es mit Bestimmtheit sagen, in denKriegen des Alterthums bisher noch nicht dagewesen, und man mussdies unstreitig als eine in Beziehung auf die Kunst der Kriegführunghöchst bemerkenswerthe Erscheinung bezeichnen, denn sie bezeugt deut-lich das Vorwiegen und die Ueberlegenheit der Schlauheit, des Verstan-des und der Kunst über die einfache rohe physische Gewalt, mit einemWort — nach Julius Cäsar's Ausspruch — das Uebergewicht desVerstandes über das Schwert [Julius Caesar non minuspraeclarumcensuit consilio quam gladio superare. s. I. Theil, Einleitung S. 30,Anmerkung).
Ueberblickt man die Thaten der Römer in dem zweiten, denkwürdi-gen Theile des Krieges, so muss man sagen, dass sie in dieser Periodeden Krieg regelrecht führten, unter Zugrundelegung eines all-gemeinen Entwurfes und jährlicher specieller Pläne, welche sichdann nur in den Einzelheiten der Ausführung je nach den Umständennoch ändern konnten. Sie vertheilten ihre Armeen stets derart, dass sieBorn und die ihm zunächst gelegenen Gebiete und die der Sachlage nachwichtigsten Provinzen Italiens deckten, dass sie beständig Hannibal imAuge behielten und ihn allmälig einengten, dass sie das cisalpinischeGallien im Norden, Sicilien im Süden, Sardinien auf der See und Hi-spanien im Westen im Gehorsam erhielten. Dabei hatte jede Armee inSüd-, Mittel- und Norditalien ihre bestimmte und gesicherte Operations-basis, einen Landstrich, in welchem in einem festen Hauptorte undmehreren befestigten Punkten zweiter Linie sich ihre Kriegsvorraths-magazine, Ersatzmannschaften u. s.'w. befanden, der ihnen als Stütz-punkt für ihre Operationen, wie als Zufluchtsstätte im Fall der Nieder-lage diente. Solche Basis war für sie gegen Hannibal zunächst Latium,dann Campanien und Samnium, später Lucanien, Apulien, Calabrien,und die Hauptstützpunkte in denselben waren Capua und Tarent. Aufsie gestützt, operirten die einzelnen Armeen, welche Verbindung undFühlung mit einander hatten, im Fall der Noth sich vereinten und dannabermals trennten. Sie agirten gegen Hannibal je nach Umständen, baldlangsam und behutsam, bald rasch und entschlossen. Viele ihrer Be-wegungen sind besonders bemerkenswert!] durch ihre kunstreiche Com-bination, ihre Schnelligkeit und den Erfolg ihrer Ausführung. Eine der