29. Der zweite punische Krieg (218—202). 199
Italien, Rom und Hannibal, sondern auf Hispanien, von wo ihm dasGold zuströmte, das es aber nicht als Hauptmittel und Grundlage zuseinen kriegerischen Unternehmungen gegen Rom, sondern nur aus den-selben niedrigen selbstsüchtigen Ursachen begehrte, die allen seinen Er-oberungen zu Grunde lagen, nämlich als ein Mittel zur Bereicherung mitden natürlichen Reichthümern der eroberten Länder und um Handel dort-hin zu treiben.
Auf diese Weise nahm zur selben Zeit die Kriegspolitik Roms undKarthagos eine ganz entgegengesetzte Richtung: die Roms direct undunentwegt auf das Hauptziel, die Niederwerfung Karthagos, zunächstvermittelst Hinausdrängens Hannibal's aus Italien, der Karthager ausSicilien, Sardinien und namentlich Hispanien, — die Karthagos auf dasnebensächliche und falsche Ziel der Eroberung und Festhaltung Hispa-niens, also nicht auf den Hauptzweck des Krieges, sondern auf eineNebensache. Und wieder bei diesen entgegengesetzten Richtungen,welch ungeheurer Unterschied im Charakter der Handlungen : diese un-gewöhnliche Energie, Beharrlichkeit, Festigkeit, Entschiedenheit, Klug-heit und Kunst auf Seiten Roms, — und dagegen welche aussergewöhn-liche Schlaffheit, Unbeständigkeit, Inconsequenz, Langsamkeit, Unent-schlossenheit, Ohnmacht, welch Unverstand und Ungeschick des Ver-haltens auf Seiten Karthagos, besonders aber welche Rücksichtslosigkeitund Undankbarkeit gegen Hannibal, der von Karthago fast gänzlich derLaune des Zufalls überlassen blieb! Konnte bei solcher Verschiedenheitder kriegspolitischen Handlungen Roms und Karthagos es zweifelhaftsein, auf welche Seite sich schliesslich der Erfolg des Krieges stellenwerde? Und er hätte sich bereits erheblich früher auf Roms Seite ge-neigt, als nach jenen 18 Kriegsjahren, wenn nicht der furchtbare undfür die Römer so drohende Name des einen Hannibal gewesen wäre.15 Jahre nach der Schlacht bei Cannä konnte, ungeachtet Karthago denHannibal ,in Italien nicht unterstützte und trotzdem Rom und seine ge-schickten Heerführer Hannibal von allen Seiten mehr und mehr um-schlossen und ihn endlich in den südlichsten Theil von Bruttium drängten,er nicht allein sich in Italien behaupten, sondern fuhr fort, die Römer undihre Anführer in beständiger Furcht zu erhalten. Dieser gewaltige mo-ralische Einfluss seiner Persönlichkeit im Verein mit seiner hohen Kriegs-kunst war der Grund, dass die römischen Feldherren, welche begonnenhatten, dem System des Fabius gemäss zu operiren, — offensiv-defensiv,beobachtend, in durch Lage und Befestigung starken Lagern, — im All-gemeinen und mit wenigen Ausnahmen zu lange und buchstäblich diesesSystem befolgten, und zwar nur aus Furcht vor dem Namen Hannibal's.Trotzdem sie seit der Schlacht bei Cannä beständig 20—25 Legionen aufden verschiedenen Kriegstheatern, und bald zwei, bald drei Armeen (von