164 HI. Vom Tode Alexander's d. Gr. bis zu Augustus (323—30 v. Chr.).
Claudius Nero war, Dank seinen rechtzeitig getroffenen Massnahmen,so rasch marschirt, dass er den ganzen 270 römische Meilen (54 deutscheMeilen = 378 Werst) langen Weg von Canusium nach Fanum in sieben-mal 24 Stunden, also etwa 40 römische Meilen (8 deutsche Meilen =56 Werst) in einem Tage zurückgelegt hatte, — doppelt so viel, als diegewöhnliche Marschlänge von 20 Meilen (4 deutsche Meilen) täglich be-trug! Heimlich sich dem Lager des Livius nähernd, hatte er Abendshinter Anhöhen Halt gemacht und war dann in der Nacht geräuschlos indes Livius Lager eingerückt. Am andern Tage wurde Kriegsrath ge-halten, bei welchem die Mehrheit der Stimmen dafür war, dass den frischangekommenen Truppen Ruhe und Zeit sich zu orientiren gegeben werdensollte. Aber Claudius Nero sprach sich dagegen ans, indem er vorstellte,dass die kleinste Verzögerung dem Hannibal die Augen öffnen und ihmermöglichen könne, seine (des Nero) Armee, die inApulien geblieben,zu schlagen und sich mit Hasdrubal zu vereinen, während jetzt, so langeHannibal noch in dem Wahne stände, dass er die ganze Consularmeevor sich habe, es möglich sei Hasdrubal zu schlagen und seine Armee zuvernichten. Alle stimmten dem Claudius Nero bei, und sofort wurde dasSignal zum Kampfe gegeben und die Armee in Schlachtordnung aufge-stellt. Hasdrubal hatte die seinige bereits formirt; aber beim weiterenVorreiten mit einem kleinen Reitercorps bemerkte er, dass einige römischeLegionare keine blankgeputzten (polirten) Schilde hatten, und dass in derrömischen Reiterei Pferde von auffallender Magerkeit waren, auch schienihm des Livius Heer stärker als sonst. Dies machte ihn stutzig und er-regte seinen Argwohn, er gab das Signal zum Rückzuge und schickteReiterabtheilungen aus zur Recognoscirung und um Gefangene zu machen.Die zurückkehrenden Reiter meldeten, dass im römischen Lager keinerleiVeränderungen zu bemerken sei; später hörte er aber, dass in des Por-cius Lager nur ein Signal gegeben wurde, im Lager des Livius dagegenzwei Signale. Nun blieb ihm kein Zweifel, dass er beide Consuln vorsich habe, und dies machte ihn ganz unschlüssig, denn er musste an-nehmen, dass entweder Hannibal geschlagen, oder dass er hinters Lichtgeführt sei, oder endlich , dass seine (Hasdrubal's) Briefe aufgefangenseien. Unter dem Eindruck dieser beunruhigenden Gedanken entschlosser sich abzuziehen und seinen Marsch nach Süditalien fortzusetzen. Inder ersten Nachtwache (nach 6 Uhr Abends) Hess er die Lagerfeuer aus-löschen und zog am linken Ufer des Metaurus stromauf. Aber seine Weg-weiser oder Führer waren vermuthlich schlecht bewacht, der Eine ver-steckte sich, der Andere entfloh über den Metaurus. In der Dunkelheitder Nacht ging des Hasdrubal Armee aufs Gerathewohl los ohne die ge-hörige Ordnung: viele der Krieger traten aus den Gliedern, marschirteneinzeln durch die Felder und legten sich sogar auf die Erde. Hasdrubal,