26. Der zweite punische Krieg (218—202). 81
freien Action beraubte; und 4) er übernahm nicht den persönlichenOberbefehl Über die grosse Masse des Legionsfussvolks, wodurch diesesich fast gänzlich allein überlassen blieb und daher schon in der grösstenUnordnung und Verwirrung war, als Aemilius Paullus sich zu ihr begab.
Von den 17,000 in das grosse und kleine Lager entkommenen Römernwar der grösste Theil ohne Waffen, die Mehrzahl ihrer Führer verwundet.Die in dem grossen Lager Befindlichen schlugen Denen im kleinen Lagervor, sich mit ihnen zu vereinigen und zusammen nach Canusium (h. Ca-nossa) südlich von Cannä zurückzugehen. Dieser Vorsehlag wurde vonder Mehrheit der Truppen im kleinen Lager verworfen, aber 600 derTapfersten, unter Führung des Kriegs-Tribunen Sempronius Tuditanus,gelang es Nachts zwischen den Numidiern durchzugehen, den Aufiduszu überschreiten und nach Vereinigung mit 3500 Mann zu Fuss und 200Reitern aus dem grossen Lager (gleichfalls den Tapfersten) wohlbehaltennach Canusium zu entkommen.
Am Tage nach der Schlacht griff nach Bestattung der Todten(dem Leichnam des Aemilius Paullus wurden besondere Ehren er-wiesen) Hannibal das kleine Lager an. Die darin verbliebenen römi-schen Truppen ergaben sich auf die Bedingung eines Loskaufs durchLösegeld. Ihrem Beispiele folgten auch die in dem grossen Lager ge-bliebenen Truppen.
Darauf hätten, erzählen die Historiker, die höheren Befehlshaberder karthagischen Armee dem Hannibal zu seinem Siege Glück wünschend,ihm gerathen (namentlich Maharbal), direct nach Rom zu gehen. Hanni-bal antwortete, nach den Einen ganz ablehnend, nach den Andernausweichend, indem er sagte, 'dass das erst überlegt werden müsse.Polybius erwähnt Nichts davon, aberLivius undPlutarch berichten, dassMaharbal, einer der obersten Reiterführer, ein kühner, entschlossener,gewandter Reitergeneral, dem Hannibal gerathen habe, sofort auf Romzu marschiren, und als Hannibal ihm antwortete, dass er das erst nochüberlegen müsse, habe Maharbal ausgerufen: »Zu siegen weist du,aber nicht den Sieg auszunutzen!« Diese Worte Maharbal's, obsie nun authentisch oder nicht, sind auf die spätere Nachwelt gekommenund sprichwörtlich geworden und haben Anlass zu heftigen Streitigkeiten,schweren Anschuldigungen und eifriger Vertheidigung Hannibal's ge-geben. Alle Historiker tadeln ihn, dass er nicht nach Rom gehen wollte,aber ohne Grund und mit Unrecht. Die Römer hatten allerdings 16 Le-gionen verloren, aber keiner von ihren Bundesgenossen war bis jetztoffen von ihnen abgefallen, Rom war mit einer starken Garnison ver-sehen, und es kostete den Römern gar keine so schwere Anstrengung, inkurzer Frist ein neues zahlreiches Heer aufzustellen. An die EinnahmeRoms vermittelst eines plötzlichen Ueberfalls, eines offenen Sturmes,
Galitzin, Allgem. Kriegsgeschichte. I, 3. 6