26. Der zweite panische Krieg (218—202). 73
Haimibal auch nicht aus Apulieu abziehen, wo, wie er bestimmt wusste,er mehr Mittel zur Verproviantirung der Armee fand, als in anderen Pro-vinzen. Deshalb entschloss er sich, zu der im vorigen Jahre zerstörtenStadt Cannä zu ziehen, im Süden der apulischen Ebene auf dem rechtenUfer des Flusses Aufidus (h. Ofanto). Iu der Burg (oder Citadelle dieserfrüheren Stadt, die im Besitz der Römer geblieben war, hatten dieLetzteren alle Vorräthe aus der Umgegend weit und breit aufgespeichert.
§. 173.Hannibal nimmt die Burg von Cannä ein. Schlacht bei Cannä.
In der Absicht, sich dieser Vorräthe zu bemächtigen und die Römerzur Schlaht zu zwingen, rückte Hannibal rasch vor die Burg von Cannä'.nahm sie im plötzlichen Ueberfall mit stürmender Hand und bezog nebenderselben ein Lager. Er hatte den Römern damit einen festen Verthei-digungs- und Magazin-Punkt in dieser Gegend entrissen und sie allerdort vorhandenen Vorräthe beraubt und, indem er diese Vortheile zuseinen Gunsten ausbeutete, zugleich sein zweites Ziel erreicht, — dieMöglichkeit, die Römer zur Schlacht zu zwingen, — was er nicht erreichthaben würde, wenn er in Süd-Apulien verblieb. Sein rascher Marschgegen das Schloss von Cannä hatte den Zweck, den Römern bei einerVerstärkung der Garnison aus den Reihen der Armee von Geronium zu-vorzukommen und dabei diese Armee, welche verhältnissmässig numerischschwach an Reiterei war, in die Unmöglichkeit zu versetzen, durch dieoffenen Ebenen ApuKens Hannibal zu folgen, der die zahlreichere undbessere Cavallerie besass. Deshalb ist sein Marsch von Geronium nachCannä sowohl seiner Idee, wie seiner Ausführung nach aller Beachtungund vollster Billigung werth.
Ganz das Gegentheil gilt von den Operationen der Proconsuln Ser-vilius und Regulus, welche die römische Armee bei Geronium bis zurAnkunft der neuen Consuln befehligten. Sie ergriffen keinerlei Mass-regeln, weder zum nothwendigen Schutze ihrer Magazine in der Burg vonCannä, durch Verstärkung ihrer Befestigung und Besatzung, noch zurrechtzeitigen Entdeckung von Hannibal's Abmarsch dorthin, was um sonöthiger gewesen wäre, als sie zur Vermeidung des Kampfes mit ihm inder Ebene, wenn sie ihm folgen wollten, einen weiten Umweg längs desFusses der Berge zu machen hatten. Ihre Nachlässigkeit ging so weit,dass sie die ihren Vorräthen drohende Gefahr erst dann erkannten, alssie die Wegnahme derselben durch Hannibal erfuhren. Darauf schicktensie, da sie nicht wussten, was sie thun sollten. mehrmals nach Rom undHessen den Senat um Verhaltungsbefehle bitten, indem sie vorstellten.