20. Die Kömer. 125
die Normalstärke der römischen Consulararmee die Zahl von vier Le-gionen, zwei römischen und zwei der Bundesgenossen, nicht überschritt,weil die Römer die eigentliche Kraft ihrer Armee nicht in der Zahl derTruppen, sondern in deren trefflicher Formation, ihrem Muth undihrer Tapferkeit und in der kriegerischen Begabung und Kunst ihrerFeldherren suchten. In Fällen aber von besonderer Wichtigkeit, oderwenn es unvermeidlich wurde, mit einem oder mehreren starken GegnernKrieg zu führen, stellten die Römer mehrere Armeen ins Feld, so dassdie Anzahl der Legionen bisweilen erheblich stieg. So stellte in demKriege gegen die Gallier (226—220), nach dem ersten punischen Kriege,Rom fünf Armeen und zwei Legionen (im Ganzen 22 Legionen) auf, un-gerechnet die Menge der Hülfstruppen, und im zweiten punischen Kriegeund nach demselben war die Zahl der römischen Armeen und Legionenim Felde häufig noch bedeutender und wuchs in dem Maasse, wie dieRömer ihre Eroberungen ausserhalb Italiens (in Afrika, Hispanien, Mace-donien, Griechenland und dem Orient) ausdehnten. Dann vermehrtenaber die Römer meist die Zahl der Verbündeten- und Hülfstruppen inerster Linie, und die Provinzen der Völker, welche diese Truppen zustellen hatten, wurden von den eigentlichen römischen Truppen, ge-wissermassen als Reserven, besetzt, eine Massregel, durch welche dieseVölker in dem nöthigen Gehorsam erhalten, und wodurch zugleich dieeigenen Truppen und die Kräfte des eigenen Volkes geschont wurden,deren Rom ja zur Führung seiner häufigen, fast ununterbrochenen undblutigen Kriege durchaus bedurfte und die es möglichst frisch erhaltenmusste.
Art und Kunst der römischen Kriegführung waren bis zu den puni-schen Kriegen den bei den Griechen zur Zeit Philipp's und Alexander'svon Macedonien üblichen ähnlich. Umfang, Dimensionen und Charakterder römischen Kriege dieser Zeit konnten nicht besonders merkwürdigund bedeutend sein, schon wegen der Beschränktheit der politischen undkriegerischen Ziele und der Kriegstheater, der kriegerischen Operationen,der Zahl und Stärke der römischen Armeen und wegen ihrer geographi-schen Kenntnisse. Aber schon der erste und mehr noch der zweitepunische Krieg erweiterten das Gebiet des Krieges für die Römer erheb-lich, und im gleichen Verhältniss wie die Wichtigkeit und Bedeutung derpolitischen und Kriegszwecke und die Kriegstheater wuchsen, die Zahl undStärke der römischen Armeen zugleich mit dem Bereiche der geographi-schen Kenntnisse zunahmen, begann auch der Krieg selbst grössere Di-mensionen anzunehmen und bedeutendere Wichtigkeit zu erlangen. Aberauch da noch, wie früher, waren die Grundanfänge desselben stetsausserordentlich kühn, energisch und richtig, wenn auch noch sehr ein-fach und nicht complicirt. Und da sie den Hauptwerth im Kriege wie