20. Die Römer. 123
sondern sogar eine unerlässliche Bedingung seines politischen Daseins.Denn nur durch Ablenkung der Aufmerksamkeit und der Kräfte desVolkes nach aussen, — dieses so ausserordentlich feurigen, leidenschaft-lichen, unruhigen, kriegerischen und unersättlich' rühm- und herrsch-süchtigen Volkes, das noch mehr darnach trachtete, sich durch Beute zubereichern — und durch Befriedigung dieser seiner stärksten Leiden-schaften konnte'die römische Begierung im Reiche den inneren Wohlstandund die öffentliche Sicherheit aufrecht halten und fördern. Ausserdemreizte der jährliche Wechsel der Consuln in Rom, und dann, zur Zeit derpunischen Kriege und nach denselben, auch der Statthalter in den unter-worfenen Provinzen und Gegenden, Diese wie Jene zu neuen Kriegenan, als zu dem sichersten Mittel, Ruhm, Reichthümer, hohes Ansehen beiden Mitbürgern, öffentliche und Staatsauszeichnungen, Belohnungen;Würden und Aemter und damit Einfluss und Macht zu erlangen.
Deshalb suchte die römische Regierung mit Eifer nach Gründenzum Kriege, erklärte ihn sofort auf wirkliche oder vermeintliche Be-leidigungen der Ehre des römischen Reiches und Volkes, oder auf Ver-letzung seiner Rechte und seiner Interessen, mischte sich gewandt in dieinneren Angelegenheiten fremder Völker und in die internationalen Be-ziehungen zwischen ihnen, und trat dabei gewöhnlich schützend auf dieSeite des Schwächeren gegen den Stärkeren, um so, seine herrsch-süchtigen Absichten unter dem äusseren Schein der Hochherzigkeit undGerechtigkeit verbergend, den Stärkeren zu schwächen und endlich beideTheile zu unterwerfen. In dem Kampfe mit grossen und mächtigenStaaten oder mit einem Bündniss von mehreren Staaten setzte Rom alleMittel seiner Politik in Bewegung und bot Alles auf, um nach dem Grund-satz : clivide et irnpera die Kräfte der Gegner zu theilen und zu schwächen,und Jene einzeln zu überwinden und nach einander zu unterwerfen. Undin den Mitteln zu diesem Zwecke war es nicht wählerisch, alle erschienenihm recht, wenn sie nur zum Ziele führten. Es wiegelte die Völker auf,lockte Theile seiner Feinde durch Bestechung, Schmeicheleien, durchVersprechungen von erhöhtem Ansehen und Glanz zur Belohnung, — esertrug Kränkungen, vereinzelte Unfälle und Verluste geduldig, indem esdie Rache auf günstigere Zeiten, Umstände und Gelegenheit verschob.Auf den gefährlichsten Feind ging es mit aller Macht, unter Concentrationaller Kräfte und Mittel los, und legte die Waffen nicht eher nieder, alsbis. es den Gegner vollständig überwunden und in jeder Beziehung überihn triumphirt hatte. Wenn dann der besiegte Gegner gezwungen war,sich zu demüthigen und um Frieden zu bitten, so bewilligte es dieseBitte, aber unter solchen Bedingungen, welche seine Erschöpfung bis zurOhnmacht, seine Schwächung bis zum Ruin treiben mussten. Es entrissihm seine besten Provinzen, Flotte, Land- und Seearsenale und Magazine,