96 III. Vom Tode Alexander's d. Gr. bis zum zweiten puniscken Kriege.
Scipio Africanus mit seinem Systeme der offensiven Defensive,welches den Römern bei Neukarthago und Ilipa in Spanien und endlichbei Zama in Afrika zum Siege verhalf. Von dieser Zeit an begann derrasche und beständige Aufschwung und die Vervollkommnung der römi-schen Taktik, und schon zu Ende dieser Periode, in den Kriegen mitMacedonien und Griechenland, hatte sie über die griechische Taktik,und ebenso die römische Legion über die macedonische und griechischePhalanx das entschiedene Uebergewicht erlangt. Als dies aber geschehenwar, da war es für die römischen Waffen ein Kleines, die Heere Asiens,Afrikas und Europas zu überwinden.
Stellen wir nun die römische Legion der griechischen Phalanx gegen-über und vergleichen die Vorzüge und Mängel Beider in ihrem Kampfegegen einander. Da springt denn vor Allem der vollkommen entgegen-gesetzte Hauptcharakter der Phalanx und Legion in die Augen. Der derErsteren war (wie schon im I. Th. 6. Kap. §. 9 erläutert) vorzugsweisedefensiv, auf ihrer Stelle bleibend, offensiv nur in vollkommen ebenemund offenem Terrain, auf kurze Entfernungen, in gemeinsamem, festen,nirgends unterbrochenen Zusammenhange aller Theile der Phalanx. DerHauptcharakter der römischen Legion dagegen war vorzugsweise offen-siv, und zugleich auch defensiv, mit anderen Worten offensiv-defensiv,weü die Legion mit gleicher Leichtigkeit, Kraft und Wirksamkeit sowohlangriffs- als vertheidigungsweise sich verhalten und in jedem Terrain,ebenem, wie durchschnittenem, auf kleine oder grosse Entfernungen,mit Allen zugleich oder in Abtheilungen gleich gut operiren konnte. DiePhalanx hatte keine Reserven, deshalb zog eine theilweise Verwirrungebenso wie eine allgemeine gewöhnlich den Verlust der Schlacht und einetotale Niederlage nach sich. Die Legion dagegen, in drei Linien mitReserven formirt, konnte den Kampf dreimal mit frischen Truppen er-neuern. Seiner Bewaffnung zufolge war der griechische Hoplit mit seinerlangen Lanze nur zur Wirksamkeit in der eng geschlossenen Aufstellungder Phalanx geeignet, ausserhalb derselben war er nicht im Stande, sichzu vertheidigen, genau so wie der griechische Psilos vollständig wehrlos.Der römische Krieger, Legionär wie Velit, konnte gleich gut in ge-schlossener, wie in zerstreuter Ordnung fechten. Endlich bleibt zu demAllen noch hinzuzufügen, dass die Griechen weder durch die Zeit, nochdurch die Erfahrung die Mängel ihres taktischen Systems erkannt hatten.Sie waren zwar ein hochgebildetes Volk, das unter allen übrigen Wissen-schaften sich auch mit der des Krieges viel beschäftigte; aber durchNationalstolz und Eitelkeit verblendet, stellten sie sich höher als alleübrigen Völker und hatten niemals irgend Etwas an ihrem System ge-'ändert oder bei anderen Völkern entlehnt, vielmehr dies gewissermassenerniedrigend gefunden und deshalb ihr taktisches System in seiner ganzen