20. Die Römer. 95
wurde. In ihrem heftigen Anprall mit der ganzen Wucht ihrer ungeheurenKräfte waren sie zugleich in die Intervalle eingedrungen, hatten dieManipeln in allen drei Linien umfasst und bisweilen die ganze römischeArmee in Verwirrung gebracht. Dies bewog auch die Kömer, zu der beiWeitem besseren und zweckmässigeren Formation der Cohorten über-zugehen, — wie dessen schon Erwähnung geschah —, bisweilen sogardie Legion in Phalanxform ohne Intervalle zu stellen, indem die Manipelnoder Cohorten der zweiten Linie in die Intervalle der ersten rückten unddie vorderen Glieder mit langen Lanzen bewaffnet wurden. Ausserdemforderte die schachbrettförmige Aufstellung der Legion in Manipeln, undspäter in Cohorten, als unerlässliche Bedingung eine ausgezeichnetetaktische und Gefechtsausbildung und besonders Scharfblick, Selbst-vertrauen und Standhaftigkeit, wie des einzelnen Legionars, so derganzen Legion überhaupt. Und so lange, als — in dieser Periode — dierömischen Legionare und Legionen dieser Bedingung in Folge der be-ständig von Jugend auf geübten, vorzüglichen praktischen Durchbildungund Kriegserfahrung vollständig genügten, hatten die Römer Nichts zufürchten und fanden in jeder schwierigen Lage leicht und rasch dieMittel, sich selbst zu helfen und nicht allein den Gegner abzuwehren,sondern schliesslich ihm Niederlagen beizubringen. Aber das galt nurfür diese vorliegende Periode; später hatte sich, wie wir noch sehenwerden, in dieser Beziehung Vieles geändert.
Der erste Zusammenstoss der Römer mit den Griechen, — mit Pyr-rhus, und dann im ersten punischen Kriege mit den sicilischen Griechenund den Karthagern, welche sich nach griechischem Systeme aufstelltenund schlügen, stellte zum ersten Male die römische Legion der griechi-schen Phalanx von Angesicht zu Angesicht gegenüber. In den erstenActionen der Einen gegen die Andere waren alle taktischen Bewegungenund Evolutionen der Legion einfach, nicht complicirt, wenig zahlreich,fast für jeden Fall dieselben. Als aber die Umstände aus dem gewöhn-lichen Verlaufe abwichen, da ergriffen die Führer der römischen Armeenselbständig, auf die Eingebung ihrer eigenen Erfahrung und kriegerischenBegabung hin die dem entsprechenden Massregeln. Aber im zweitenpunischen Kriege gewannen in dem Kampfe gegen einen so grossenFeldherrn, wie Hannibal, die Römer aus den für sie bitteren Erfahrungenbald die Uebßrzeugung, dass es für sie unerlässlich sei, die schwereWissenschaft des Krieges und die Kriegskunst aufmerksamer und ein-gehender zu studiren und zu treiben, und ihre bisherige Tüchtigkeit nochdurch grössere Kunst zu verfeinern. Den ersten Anfang darin machte,den ersten Grund legte der Dictator Fabius, durch sein vortreffliches,man kann sagen mustergültiges, System der reinen Defensive; dieweitere Entwicklung und Vervollkommnung erfolgte durch den jüngeren