412 II. Vom Anfang der griech.-pers. Kriege bis zum Tode Alexander's d. Gr.
tend waren. Die griechischen und römischen Schriftsteller haben indes-sen fast Alle die Zahlen noch sehr übertrieben und ist ihren Angaben un-möglich Glauben zu schenken. Jedenfalls aber steht fest, dass bei denungeheuren Geldmitteln Karthagos es ohne grosse Mühe 100.000 Mannaufstellen konnte. Die grössten karthagischen Armeen scheinen zur Zeitder Kriege in Sicilien unter den Waffen gewesen zu sein.
Auch bei Friedenszeit unterhielt Karthago eine gewisse Anzahl Trup-pen, grösstentheils Söldner, welche die Besatzung der Hauptstadt undder Städte in den Provinzen bildeten. Diese Truppen, ebenso die dazugehörenden Pferde, die Vorrathsmagazine etc., waren gewöhnlich inner-halb der inneren Burgen (Citadellen) der Städte in besonders dafür ge-bauten Localitäten (Kasernen) untergebracht. In jeder Stadt befandsich ein eigener Militärbefehlshaber, der alle in der Stadt liegendenTruppen commandirte.
Im Allgemeinen hatte die karthagische Militärorganisation neben ei-nigen Vorzügen auch grosse Nachtheile und Mängel. Einerseits verur-sachten äussere Unfälle dem Staate keinen empfindlichen Schaden, —es lag ihm nicht daran, die halbwilden Söldnerschaaren zu sparen undzu schonen, denn so lange es ihm nicht an Geld für den Sold fehlte,konnte er leicht und schnell selbst die grössten Verluste an Soldaten er-setzen, weil nie Mangel an Solchen war, welche als Söldner gern dien-ten. Die Unterhaltung dieser fremdländischen Miethstruppen lag, wieoben gesagt, auch im Interesse der karthagischen Handelspolitik und desinneren Wohlstandes des Reiches, denn seine Bevölkerung wurde dadurchnicht abgezogen von Industrie und Handel und nicht durch den Kriegaufgerieben. Aber auf der anderen Seite konnten Miethlinge niemalseingeborene Truppen ganz ersetzen, denn sie besassen weder Anhänglich-keit an den ihnen fremden Staat, noch einheitlichen Geist und Gesinnung,noch die edlen Gefühle für Ehre und Ruhm. Die verschiedenartigen ein-zelnen Theile des karthagischen Heeres waren durch keinerlei natürlicheund dauerhafte Bande mit einander verbunden, durch keine gemeinsamenund wichtigen Interessen verknüpft, sie bildeten kein unzertrennbares,organisches Ganzes. Die Tributäre waren jeden Augenblick bereit, sichzu erheben und abzufallen, und die Miethstruppen empörten sich bei demgeringsten Anlass zur Unzufriedenheit, nicht erfolgter oder ungenügenderLöhnung, oder auch, wenn irgend Wer ihnen Anerbieten höheren Soldesgemacht hatte, Uberliessen sich den gröbsten Ausschreitungen und warenstets geneigt, die Waffen gegen Karthago selbst zu richten. Deshalb warder Staat ohnmächtig und ohne Schutz im Innern. Ein unvermufheterAngriff des Feindes auf die eigenen Grenzen, wovon die Flotten ihn nichtimmer abzuhalten vermochten, brachte Karthago in die äusserste Gefahr,da in solchem Falle der Staat nicht sofort oder in kurzer Zeit ein Sold-