356 II. Vom Anfang der griech.-pers. Kriege bis zum Tode Alexander's d. Gr.
folgte sie in grosser Unordnung; plötzlich aber wurde sie von der ge-sammten Reiterei des Parmenio angegriffen und ergriff nach einem hart-näckigen und blutigen Reitergefecht, als sie den Rückzug des linkenFlügels und des Centrums ihrer eignen Armee und die Flucht des Dariusgewahr ward, gleichfalls die Flucht durch den Pinarus und weiter.Ueberall zurückgeworfen und geschlagen, von der macedonischen Rei-terei verfolgt und erbarmungslos niedergemetzelt, zerstreute sich dasHeer des Darius in die Berge. Es hatte, nach Angabe der griechischenGeschichtschreiber, einen Verlust von 100,000 Mann Gebliebener, da-runter 10,000 Mann Reiterei. Ihr ganzes Lager mit allen darin befind-lichen Schätzen fiel in die Hände der Sieger. Unter der Zahl der imLager Gefangenen befanden sich auch die Mutter, die Gemahlin undSchwester, ein Sohn und zwei Töchter des Darius, welche Alexanderaber in der grossmüthigsten Weise behandelte. Der Verlust des mace-donischen Heeres überstieg, nach den griechischen Schriftstellern, nichtdie Zahl von 450 Gefallenen, unter denen sich 120 Officiere niedererGrade von der Phalanx befanden. — Alexander selbst war ziemlichschwer verwundet.
Das geschlagene persische Heer floh aufgelöst in Haufen aus Ciliciennach Kappadocien und Phrygien, wo es zum grössten Theil von denmacedonischen Garnisonen aufgerieben wurde. Die Trümmer der grie-chischen Söldnerschaaren (12,000 Mann) retteten sich nach Tripolis inPhönizien und von dort zur See auf die Insel Cypern und nach Griechen-land und Aegypten. Darius selbst entkam mit etwa 4000 Mann nachThapsakus und über den Euphrat.
So verlief die zweite grosse Schlacht Alexander's gegen die Perser,in welcher die vortrefflichen combinirten und berechneten Dispositionendesselben, sowie die ausserordentlichen Thaten seiner Truppen vomvollsten und entschiedensten Erfolge gekrönt wurden und einen Sieg her-beiführten, der noch von grösserer Bedeutung - 'und Wichtigkeit war, alsder erste Sieg am Granikus. Denn hier war es nicht mehr ein Theil desHeeres, sondern die ganze Armee des Darius, die vollkommen zer-trümmert wurde. Um eine neue gleich bedeutende Armee zu sammeln,dazu war viel Zeit erforderlich. Darius selbst hatte sich durch die Fluchtgerettet, fast ohne Truppen, die Perser waren in Furcht und Schrecken,die ihrer Botmässigkeit unterworfenen Völker bereit, sich sofort gegensie zu empören und mit den zahlreichen inneren Feinden zu dem glück-lichen Sieger überzugehen. So stand denn der Weg nach Mittelasiendem Alexander vollständig offen, und seine Erscheinung in demselbenwürde unter diesen Umständen eine innere Umwälzung im persischenReiche nach sich gezogen und dessen Eroberung erleichtert und be-