316 II. Vom Anfang der griech.-pers. Kriege bis zum Tode Alexanders d. Gr.
Die kriegerischen Sitten und Gebräuche der Macedonier waren voll-kommen dieselben wie bei den Griechen. — Sowohl Philipp als Alexanderd. Gr. suchte mit allen Mitteln die Macedonier den Griechen näher zubringen und zu vereinen und die Letzteren zu zwingen, auf die Ersterennicht wie auf ein Volk fremden Stammes, sondern wie auf Brüder helle-nischer Abstammung zu schauen. Auf diese Art wurde, was oben (Kapi-tel VI, §.41) von den kriegerischen Bräuchen und Sitten der Griechengesagt ist, vielleicht auch auf die Macedonier übertragen. Es ist dem abernoch hinzuzufügen, dass auch die Beachtung und Vollziehung der reli-giösen Gebräuche bei allen Gelegenheiten im Kriege durch Alexander d. Gr.hochgehalten wurde, und dass er unter Anderem auch die Keligion alseines der Hauptmittel zur Begeisterung der Soldaten erachtete und for-derte.
Die Lagerkunst. Fortification und Belagerungskunst der Macedonierwurden durch Philipp und Alexander nicht allein auf dieselbe Höhe ge-bracht wie bei den Griechen, sondern noch erheblich vervollkommnet,namentlich durch geschicktes praktisches Anschmiegen an die Oertlich-keit und die Umstände. Die Kegierung Alexander's d. Gr. war sogar inBezug auf Belagerungskunst die bemerkenswertheste Epoche jener Zeit.Die Belagerungen von Milet. Halikarnass, Tyrus, Gaza und der Aorni-schen Felsenfeste bezeugen in unzweifelhafter Weise sowohl die persön-liche Kunst Alexander's iu der Belagerung, als die Fortschritte, welchediese Kunst zu seiner Zeit und speciell durch ihn gemacht hatte.
Ueberhaupt entwickelten sich zu Philipp's und Alexander's d. Gr.Zeit alle Zweige der Kriegskunst und speciell die Taktik bei den Mace-doniern zur höchsten Stufe praktischer Vervollkommnung in der dama-ligen Welt. Die Macedonier übertrafen darin alle Völker jener Zeit, auchdie Griechen, und hatten einen entscheidenden Einfluss auf sie. Und derRuhm dieser Entwicklung und Vervollkommnung der Kriegskunst ge-bührt in vollstem Maasse der Persönlichkeit Philipp's und Alexander's.
II.
Kriege Philipp's von Macedonien (360—336).
§.83.
Die ersten Feldzüge Philipp's in Päonien, Illyrien, Thraeien und
Thessalien (360—356).
Als Philipp nach dem Tode Perdikkas' III. (360) in Macedonien ein-traf, fand er dieses unglückliche Land in der allertraurigsten Lage. Diewilden und kriegerischen Bewohner Päoniens und Illyriens, an welcheLänder Macedonien nach Norden und Westen grenzte, plünderten und