134 II. Vom Anfang der griech.-pers. Kriege bis zum Tode Alexander'» d. Gr.
Alle Völker, welche nördlich vom Ister oder der unteren Donau, demPpntüs Euxinus, dem Kaukasus , dem kaspischen Meere und dem FlussIaxartes wohnten, nannten die Griechen mit demselben Namen »Scy-then«. Von diesen bezeichnet Herodot die nördlich der Donau und desPontus Euxinus wohnenden als ein wildes und grausames Volk, alleübrigen alten Schriftsteller aber als ein zahlreiches, kriegerisches, aus-serordentlich tapferes Volk, berühmt als tüchtige Heiter und sichere Bo-genschützen. Ihr Heer bestand fast nur aus leichten, schnellen und ge-wandten Reitern; ihre Kriegführung in raschen ungestümen Angriffenund Actiouen des kleinen Krieges. Das feindliche Gebiet plündernd undverwüstend, kehrten sie eben so rasch in die Tiefe ihrer weiten Steppenzurück. In dem vorliegenden Falle war ihr Verhalten dem Darius ge-genüber sehr merkwürdig. In dem Maasse, wie Darius in das Innere ihresLandes eindrang, verschwanden sie gänzlich vor seiner Front, beun-ruhigten aber seine Flanken und Rücken unaufhörlich, verwüsteten dieGegend und verschütteten die Brunnen und Quellen auf dem Wege, dendie Perser verfolgten. Dabei verwüsteten sie aber die Gegend nicht voll-ständig, um die Perser nicht zu schnell zum Rückzuge zu nöthigen, son-dern Hessen einen Theil des Bodenertrags und der Vorräthe übrig, um sieso weiter in das Innere des Landes zu locken, sie dadurch noch mehrzu schwächen, zu ermüden, und sie dann um so leichter zu überwältigen.Ausserdem, um die Aufmerksamkeit und die Kräfte der Perser zu thei-len und sie darüber ungewiss zu machen, wo sich der Scythen Haupt-kräfte befänden, theilten sie sich gewöhnlich in drei Theile und gingenin drei verschiedenen Richtungen zurück, nach der Front und beidenFlanken, so auch in die Landestheile, deren Bewohner nicht gemein-schaftliche Sache mit ihnen gegen die Perser machen wollten, oder dazunoch nicht ganz entschlossen waren , wodurch sie dieselben gegen ihrenWillen zwangen, sich zur Vertheidigung ihres Gebietes zu bewaffnen.
Die Folge dieses Verhaltens war, dass Darius sie nie einzuholenvermochte, nicht wusste, wo er ihre Hauptmacht finden könnte, und ver-gebens hoffte, sie zum Kampf zu nöthigen; sein Heer aber ermüdete, littätissersten Mangel an Lebensmitteln , erlitt grosse Verluste, und zuletztwar Darius gezwungen, seine Rettung im Rückzuge nach dem Ister zusuchen. Nun umkreisten die Scythen sein Heer, beunruhigten es durchunaufhörliche heftige Angriffe von allen Seiten und hätten ihm fast dieRückkehr über den Ister abgeschnitten. Eine ihrer Abtheilungen rücktean die Brücke und wollte die sie vertheidigenden Griechen bewegen, siezu zerstören. Miltiades 'der später so berühmte Sieger von Marathon)und mit ihm ein grosser Theil der Griechen waren mit dem Abfahren derBrücke einverstanden, indem sie darin eine erwünschte Gelegenheitsahen, den Darius mit seinem Heere zu verderben und sich vom persi-