5. Die Perser. 135
sehen Joche zu befreien. Aber Histiäus, Tyrann oder Regent von Milet.stellte den griechischen Führern vor, dass ihr eigner Vortheil die Rettungdes Darius und seines Heeres fordre, denn mit dem Fall des -persischenKönigs würden die kleinasiatischen Griechen ihre Tyrannen verjagenund eine Volksregierung wählen. Seine Meinung siegte, und die Brückewurde nicht abgefahren. Darius musste aber erst noch bis zu dieserBrücke hin gelangen, und das war nur mit den grössten Schwierigkeitenmöglich, denn die Scythen, das persische Heer umringend und hart drän-gend, suchten es ganz von der Brücke abzuschneiden. In dieser schwie-rigen und gefährlichen Lage kamen zwei Zufälle dem Darius und seinemHeere zu Hülfe. Erstens gelang es ihm durch eine List, heimlich vorden Scythen zu entweichen. EinesNachts Hess er die kranken, schwachenund zum Kampf untauglichen Krieger und Nichtcombattanten und mitihnen die Lastesel in seinem Lager zurück, er selbst aber eilte mit allenübrigen Truppen zum Ister. Die Scythen, welche die Feuer sahen unddas Geschrei der Esel im Perserlager hörten, blieben die Nacht über an-gesichts des Lagers stehen, und erst am andren Morgen, als sie sich vomAbzug des Darius überzeugten . eilten sie auf dein kürzesten Wege zumIster ihm nach. Die Perser aber hatten sich in der Dunkelheit der Nachtverirrt vom richtigen Wege, wurden ausserdem durch ihr Fussvolk auf-gehalten und marschirten ziemlich langsam. So langten die Scythen vorihnen bei der Brücke an, wagten aber nicht, sie mit Gewalt in ihren Be-sitz zu bringen, sondern verlangten nur von den Griechen, sie abzu-brechen. Die Griechen beschränkten sich darauf, die dem linken Ister-ufer nächsten Schiffe auszufahren, und die Scythen kehrten zurück, umdie Perser aufzusuchen, verfehlten sie aber wiederum. Diesem Umständeverdankten es die Perser, dass sie in der folgenden Nacht endlich dieBrücke erreichen und ungehindert über den Ister zurückgehen konnten,nachdem sie auf dem andren Ufer dieses Stromes in der scythischenWüste länger als 70 Tage zugebracht und dabei 80,000 Menschen ver-loren hatten.
So hätte der Feldzug gegen die Scythen beinah mit dem gänzlichenUntergang des Heeres des Darius geendet und zwar, weil erstens Dariusihn ohne Kenntniss der Scythen und ihres Landes unternommen hatte,ohne sich rechtzeitig über Alles zu orientiren, und ohne die unerläss-lichen Vorsichtsmassregeln betreffs der Verpflegung seines Heeres undder Sicherung seiner Verbindungen zu treffen, ■— und zweitens beson-ders durch das geschickte Verhalten der Scythen, das in der That be-sondere Beachtung verdient.
Für das Misslingen seines Unternehmens gegen die Scythen fandDarius Ersatz in der Unterjochung der starken, aber durch inneren Zwistzerrissenen thracischen Stämme, die der in diesem Lande mit 80,000 Mann