Einleitung. 5
ren Wege zu ihrer Entwicklung und Vervollkommnung gestört und aufgehal-ten, ja sogar theilweise von ihm abgelenkt worden durch die schon erwähnteVorliebe für die Griechen und Römer.
Aber die erste französische Revolution brachte durch die, aus ihr entstehen-den, fast 23 Jahre währenden grossen europäischen Kriege sowohl in den poli-tischen und militärischen Verhältnissen, als in der Richtung der Militärliteraturim Allgemeinen, und speciell der kriegsgeschichtlichen. eine vollständige Um-wälzung hervor. Die gewaltigen Weltbegebenheiten dieser 23 Jahre (1792bis 1815 zogen die Aufmerksamkeit vom klassischen Alterthum ab und ganzauf sich und bildeten so den Anla'ss zur Entwicklung der neuesten Wissenschaftder Kriegsgeschichte. Im Verlauf der mehr als ein halbes Jahrhundert um-fassenden Zeit seit dem allgemeinen Frieden von 1815 kam sie nach und nachin eine neue Richtung, erhielt eine so schnelle Bewegung und gelangte zu einerEntwicklung wie nie zuvor. Auf dieser Höhe steht sie noch heute, und ihre Ent-wicklung geht unaufhaltsam weiter.
Es ergiebt sich somit aus dem oben Gesagten, dass die Wissenschaft derKriegsgeschichte eine neue Wissenschaft ist, die weder im Alterthum,noch .im Mittelalter existirte, die aber ihre Entstehung der allgemeinen Wieder-geburt der Wissenschaften im 15. und 16. Jahrhundert verdankt, sich seitjener Zeit allmälig, wenn auch langsam entwickelt und in den letzten 57Jahren ihren heutigen hohen Standpunkt erreicht hat.
Auf diesem jetzigen Höhepunkt yst sie keineswegs mehr allgemeineGeschichte, wenn schon mit vorwiegend kriegerischem Charakter wieim Alterthum, noch viel weniger Chronik oder Annale, wie imMittelalter, sondern eine besondere selbstständige Kriegswissen-schaft, obgleich derselben allgemeinen Wurzel, der Geschichte, ent-sprossen, — die wichtigste aller Militärwissenschaften, welche mit ihr ein gemein-sames System bilden.
Ihr Gegenstand sind diekriegerischenBegebenheiten, welchegrössere oder geringere Bedeutung, Wichtigkeit und Einfluss haben: 1) auf diepolitischen Beziehungen, auf die Geschicke der ganzen Welt, odereines bestimmten Theils derselben, oder eines einzelnen Volkes oder Reiches,und 2) besonders auf die militärischen, d. h. auf die Verhältnisse derKriegskunst im Allgemeinen, der verschiedenen Zweige derselben, und auf dieKunst der Kriegführung im Besondern.
Ihr Ziel besteht in der wissenschaftlich-kritischen Untersuchung derbedeutenden kriegerischen Begebenheiten auf Grund der zuverlässigen kritischbearbeiteten Quellen, und dann in der geschichtlichen Darstellungdieser Begebenheiten, entsprechend den Anforderungen der neueren kriegsge-schichtlichen Wissenschaft, im nothwendigen Zusammenhange mit der politi-