562 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
Das Werk Onosander's: Stqcct rjy-iyidv Xöynv, d. h. Feld-herrenwissensehaft, Strategologie, unterscheidet sich wesentlich vonjenen des Frontinus und Polyänus. Die letzteren, wie aus §. 468ersichtlich ist. enthalten keine dogmatischen Kegeln, sondern lediglichnur Beispiele aus den Kriegsthaten der besten Feldherren. Das WerkOnosander's hingegen giebt kein einziges solches Beispiel, sondernnur dogmatische Regeln. Da aus dem Ganzen hervorgeht, dass Ono-sander aus sehr guten Quellen schöpfte, so sind in seinem Werke auchvortreffliche Kegeln und Abhandlungen enthalten, welche von dem ge-sunden klaren Denken der »Schriftsteller des Alterthums Zeugniss geben.Der Styl ist sehr elegant. obgleich er einen Hang zu rhetorischemSchmucke zeigt, der übrigens allen griechischen Schriftstellern von derZeit der Antonine an bis zu Theodosius d. Gr. anhaftet. Eine be-sondere Bekanntschaft mit dem Werke Onosander's zeigte der grie-chische Kaiser Leo der Philosoph (886—910 n. Chr.), der es inseiner Schrift »über Kriegs-Einrichtungen« ganz aufnimmt, und im18. Jahrh. der Marschall Graf v. Sachsen und Guischard.
In der Vorrede zu seinem Werke und in der Widmung an Quin-t u s V e r a n n i u s sagt 0 n o s a n d e r, dass er keineswegs gebildeten undfähigen Staatsmännern Lehren in der Kunst der Heerführung ertheilenwolle, sondern nur das wünsche, dass sie sein Werk gütig aufnehmenmögen, da sie sicherlich im Stande sind, Wahrheit von der Lüge. Ver-dienst von Selbstüberhebung zu unterscheiden. »Ich fürchte nicht,« setzter hinzu, »dass man mir vorwerfen werde. ich redete über längst be-kannte Dinge, denn ich beabsichtige nicht. mich auf die einfache Erzäh-lung der Kriegsereignisse zu beschränken, sondern habe den Vorsatz, i nein System zu bringen Alles das, was in den Kreis des demFeldherrn Wissenswerthen fällt, welcher ein Heer befeh-ligt, und dazu ist es nöthig, dass meine Leser schon einige Vorkennt-nisse davon besitzen. Ich würde mich glücklich schätzen , wenn es mirgelänge, in meinem Buche eine Theorie aller Kriegsthaten derK ö in e r aufzustellen; denn in diesem Falle wäreich überzeugt, nichtallein. dass die Personen. denen ich es widme, mir ihre Billigung nichtvorenthalten würden, sondern auch davon, dass es ein Gegenstand desNachdenkens für jeden guten Feldherrn des Heeres sein würde. Auf sie(diese Theorie) würden sie blicken wie auf ein der Göttin des Friedensgeweihtes und der Nachwelt durch die alten Feldherrn hinterlassenesGeschenk vom Himmel. In der That finden sich in derselben sowohl dieFehler. welche die Ursachen des Missgeschickes so vieler Heerführerwaren, wie auch die Gründe für die Erfolge und den Ruhm der andern,in voller Klarheit dargelegt. Wir (d. h. die Römer) mögen das Glückbei unsern Unternehmungen anrufen, dürfen aber nicht erwarten, dass