536 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
wurden sie mit einem Male auf das bislang ihnen unbekannte Gebiet derreinen Defensive gedrängt. In unbegreiflicher Verblendung und Sorg-losigkeit zeigten sie, statt ihrer früheren gewöhnlichen Klugheit, einegänzliche Urtheilslosigkeit, indem sie statt der reinen Defensive dieoffensive Defensive wählten und zu deren Durchfuhrung lauter unfähigeFeldherren bestimmten. Aber die vier furchtbaren, von Hannibal ihnenin den ersten drei Kriegsjahren beigebrachten Schläge brachten sie zurBesinnung und bewogen sie zuerst, nach dem Gedanken des Fabius,zu einer bis dahin noch nie von ihnen angewandten Art der Kriegfüh-rung, zuerst der reinen Defensive, dann zur offensiven Defensive, zuschreiten, gleichzeitig ihre Kräfte mehr und mehr verstärkend, geschickteHeerführer erwählend und in auffallend geschickter Weise operirend.Allein der ihnen furchtbare Name Hannibal's und der gewaltigemoralische Eindruck seiner ausserordentlichen Persönlichkeit auf siewaren die Ursachen, dass sie, wenige Fälle ausgenommen, im Allge-meinen betrachtet sich zu lange und zu buchstäblich an dieses Systemdes Fabius hielten. Beständig hatten sie zwei oder drei Armeen gegenHannibal im Felde, aber nicht einmal kam ihnen der Gedanke in denSinn, mit diesen Armeen gleichzeitig ihn anzufallen, wodurch sie, wennnicht ihm eine entscheidende Niederlage beibringen, so doch mindestensund in jedem Falle ihn weit rascher und früher aus Italien hinausdrängengekonnt hätten. Ueberhaupt verhielten sie sich nach der Schlacht beiCannae dem Hannibal gegenüber zwar sehr klug, vorsichtig und ge-schickt, aber nicht kühn genug, ja sogar schüchtern und furchtsam, wo-durch sie den Krieg auf ganze vierzehn Jahre ausdehnten und ihn erstdann mit ihrem Triumphe beendigten, als sich bei ihnen ein so ausser-gewöhnlicher Heerführer und würdiger Rival Hannibal's fand, wie esScipio war, der den Krieg kühn nach Afrika verpflanzte, dort Karthagoselbst angriff, sämmtliche Armeen dieses Staates und zuletzt Hannibalselbst besiegte. Das grossartige Kriegsunternehmen, mit welchemSpicio den Krieg eröffnete, stellt sich daher würdig jenem zur Seite,mit welchem Hannibal den Krieg begann, und gleich jenem ist eshinsichtlich der eigentlichen Kunst der Kriegführung von grosser Be-deutung.
Im Allgemeinen aber, die zu ängstliche und furchtsame Art des Ver-haltens gegen Hannibal in der zweiten Hälfte des Krieges abgerechnet,muss man den Römern die volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, dasssie sehr geschickt verfuhren. Das jährliche Eintheilen und Aufstelleuvon zwei Armeen, stets mit sehr weisen Zwecken und in höchst verstän-diger Weise, die Verstärkung und Unterhaltung dieser Heere, derenMärsche und Operationen, das Alles war sehr geschickt entworfen, be-rechnet, sichergestellt und durchgeführt. Viele ihrer Bewegungen und