534 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Eeiches.
Politik, als seine hohe Kunst im Entwerfen und Ausführen darthun.Alle seine strategischen Pläne, Märsche und Operationen während dieserdrei Jahre bieten Muster der Kunst der Kriegführung, deren Quelle alleinin seiner grossartigen Persönlichkeit lag. Seine Bewegungen aus Hispa-nien über die Pyrenäen, Rhone, Alpen, Po, Arno, und in Süditalien, undseine vier grossen Siege am Tessin, Trebia, Trasimenischen See und beiCannae stellen sich würdig in eine Reihe mit denen der anderen grösstenFeldherren und machen Hannibal zu einem der grössten Heerführer nichtnur des Alterthums, sondern aller Zeiten.
Nach der Schlacht bei Cannae aber, in der zweiten Hälfte des Krie-ges, erscheint er noch grösser. Fast ohne alle Unterstützung von seinerRegierung, die ihn vollkommen der Willkür des Schicksals preisgiebt,gezwungen, mit sehr schwachen Kräften in immer mehr eingeengtemKreise der Operationen einen mühseligen und gefahrvollen Offensiv-Defensivkrieg gegen energische, thätige, geschickte und sich mehr undmehr verstärkende Gegner zu führen, vollbringt Hannibal Alles, was, dieOperationen A1 e x and e r's d. Gr. ausgenommen, die Kriegsgeschichteder vergangenen Zeiten Bestes aufzuweisen hat in Bezug auf Kunst derKriegführung überhaupt und der Führung eines Offensiv-Defensiv-krieges, der schliesslich fast zum reinen Defensivkriege wird, in's Be-sondere. Einzig und allein durch die Kraft seines Genies stellt er sichnoch fast dreizehn Jahre lang den Römern entgegen und hält sich in Ita-lien, nicht selten seine Feinde besiegend und sie in beständiger Furchtvor seinem blossen Namen erhaltend. Gerade in dieser Zeit leuchtet seinkriegerisches Genie noch in hellerem Glänze und grösserer Kraft, als zuAnfang, wenn auch Hannibal's Thaten nicht so glänzend und gewaltigmehr sind. Endlich aber wendet das Glück ihm gänzlich den Rücken,ein Zusammentreffen der allerungünstigsten Umstände verfolgt ihn undraubt ihm die letzten Chancen in dem letzten Kriege und in der Schlachtbei Zama: machtlos und vergeblich sind seine hohen Gaben gegen denBeschluss des Schicksals, — aber glücklich im Beginne, unglücklichbeim Ende, blieb er im Unglück wie im Glück stets gleich gross.
Als grosser Feldherr bietet er viele Vergleichspunkte mit Alexanderd. Gr., sowohl hinsichtlich der kriegerischen Begabung, als der Haupt-grundlagen ihrer Kunst der Kriegführung. Dennoch sind in beiden Hin-sichten natürlich auch verschiedene Züge bei ihnen sichtbar. Speciellbezüglich ihrer Kriegführung liegt der Hauptunterschied in der weitweniger günstigen Lage Hannibal's als Unterthan und abhängiger Feld-herr, der die Römer im Centrum ihrer Macht und Kraft bekämpfte, vonseiner Regierung fast gar nicht unterstützt wird, wenig zuverlässige Ver-bündete und sehr geringe Kräfte hat, der gezwungen ist, alle seine Mittelund Kräfte an die Führung eines Offensiv-Defensivkrieges zu