63. Altgemeiner Ueberblick über die Kriegsgeschichte des Alterthums. 5J1
fähige Bevölkerung der Städte Theil nahm, wie denn überhaupt zu jenerZeit jeder Bürger zugleich Krieger war, so dass die Belagerten eineStreitmacht repräsentirten, welche meist der Macht der Belagerer gleichkam oder nur wenig schwächer war, nicht selten aber sie sogar nochübertraf. Es erforderte daher geraume Zeit, bis die fortwährende Ver-mehrung an materieller Macht und Belagerungsmitteln auf der Seite derBelagerer, und dagegen die stetige Verminderung derselben bei den Be-lagerten endlich zu voller Wirkung gelangte. Die grösste Schwierigkeitfür die Vertheidigung lag in der Verpflegung der ungeheuren Menschen-menge in der belagerten Stadt, welche schliesslich immer von Hungers-noth und von Krankheiten aller Art bedroht war. Dabei muss man aberzugeben, dass der Erfolg für die eine oder andere Seite wesentlich vonihrer grösseren oder geringeren Geschicklichkeit im Angriff oder der Ver-theidigung abhing.
Die Mittel zu Angriff und Einnahme der Städte waren ursprüng-lich : plötzlicher Ueberfall, List, und offene Gewalt oder Sturm, und wenndiese nicht zum Ziele führten, verschiedene künstliche Mittel. Die erstenSpuren hiervon erscheinen in Aegypten und in Asien , besonders inErsterem, über dessen geregeltes Kriegswesen wir die ältesten, wennauch nicht vollkommen glaubwürdigen Nachrichten haben. Es istindessen unmöglich, genau fest zu stellen, wann man anfing, künstlicheAngriffsmittel gegen die Städte anzuwenden. Mit Wahrscheinlichkeitkann man nur annehmen, dass sie schon den Hebräern bei ihrem Aus-zuge in's gelobte Land bekannt waren. Das lässt sich aus den histori-schen Büchern des alten Testaments schliessen. So schrieb Moses denHebräern vor, die Obstbäume zu schonen, aus den übrigen Bäumen aberBelagerungsthürme gegen die zu belagernden Städte zu zimmern. Dadie Hebräer in Canaan viele befestigte Städte zu erobern bekamen, sohatten sie auch Anlass und Gelegenheit genug, die Belagerungskunst zuerlernen. Unter David wird, gelegentlich der Belagerung der von Sebaaufgewiegelten Städte Abel und Beth-Maacha durch Joab, schon voneiner Erdanschüttung rund um diese Städte und von Zuschüttung ihrerGräben durch Erde gesprochen. Der Prophet Hesekiel erwähntausserdem der Mauerbrecher. Nabuchodonosor bringt diese gleich-falls bei der Belagerung von Tyrus zur Anwendung, mehr denn 600 J.v. Chr. Usia, der jüdische König (777 v. Chr.), erbaute in Jerusalemauf den Thürmen und Ecken der Mauer künstliche Brustwehren fürdahinter stehende Bogenschützen, vielleicht auch für Catapulten undBallisten. Indessen wird bei den Vorgängern des Usia hiervon Nichtserwähnt, selbst nicht bei Josaphat (um 888 v. Chr.), der bei denJuden die Kriegskunst in Flor brachte. Es ist daher ungewiss, ob Usiader Erfinder der Kriegs-Belagerungsmaschinen ist, aber das ist gewiss,