460 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Keiches.
Eine geben, die Andern aber annehmen mochten. Ueberhaupt stellendie gegenseitigen Beziehungen der Glieder in den germanischen Stämmenund Gemeinden sich vielmehr als freiwillige, nicht beständige Kriegerge-nossenschaften dar, nicht aber wie allgemeine oder Stammesbündnisse, alswelche sie von den Römern betrachtet wurden. Ihre Kriegsökonomie, ob-gleich noch in der Kindheit, trug doch einen eigenen Charakter hinsichtlichder Befriedigung der Kriegsbedürfnisse, einen Charakter, der später mehrdie Gestalt eines Systems annahm. Der Grundgedanke dabei blieb langedieser: vermittelst der von Allen anerkannten Gewalt des Anführers überdie eroberten Länder und des Rechtes, sie nach allgemein feststehendenGrundsätzen zu vertheilen, wurde die Bearbeitung und der Ertrag der-selben von den Freien an Unfreie übergeben, immer unter der Bedingungder einen oder anderen Verbindlichkeit, in Form von Abgaben zum Un-terhalt der Führer, der Edlen und Freien, oder mit andern Worten —des ganzen Kriegerstandes. Darin fanden die alten Germanen die einzigeBelohnung für die Erfolge ihrer Waffen. Und auf solche Weise entstanddas Lehnsrecht in dem Sinne des Erhärtens von Land für Kriegs-dienst, bildete sich das Verhältniss der Unfreien zu den adeligen undfreien Landbesitzern, das in Steuern, Abgaben und sogar Festungsfrohn-dienstobliegenheiten bestand, schon sehr früh und war in seinen Grund-zügen Nichts als eine Einrichtung zur Ernährung und Unterhaltung derKrieger und Befriedigung der Kriegsbedürfnisse, kurzum eine kriegs-ökonomische Einrichtung. Natürlich waren sie Anfangs noch höchst rohund unentwickelt, aber selbst da lag schon die Möglichkeit des Unter-halts der Truppen ihnen zu Grunde. In dem Maasse, wie die Kriegs-bedürfnisse sich in denKriegen, namentlich gegen die Römer, vermehrten,mussten sich auch diese Einrichtungen entwickeln, befestigen und er-spriesslich werden. Diese Vervollkommnung stand daher in Ueberein-stimmung mit der Kriegsbildung und den Erfolgen der militärischenEinrichtungen, und sie kamen einander bei Erlangung des auf die Er-oberung und Ausdehnung von Landbesitz gerichteten Zieles zu statten.
Die Folge der oben angeführten Ursachen , da die alten GermanenJagd- und Viehzucht als die Hauptnahrungs- und Unterhaltsquellen fürsich und für die im Kriege Befindlichen ansahen, waren häufige Aufent-halts Veränderungen , Nomadisiren derselben , das Aufsuchen anderergeeigneter fruchtbarer Gegenden, die Verdrängung der daselbst Woh-nenden, welche dadurch ihrerseits gezwungen waren , andere Wohnsitzeaufzusuchen. Hieraus ergab sich überhaupt ein beständiges Wandernder Völker und Stämme, welchem endlich der Einfall der Hunnen denCharakter einer allgemeinen Völkerwanderung gab, inder die germanischen Völker die Hauptrolle spielten. Bei dieser Völker-wanderung konnte natürlich nicht von irgend welcher regelmässigen