458 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
beschleunigten und begünstigten sie es. In derThat bietet die Geschichtekein anderes gleich auffallendes Schauspiel, wie den Untergang desweströmischen Reiches , herbeigeführt durch die scharfe Trennung derNation in zwei einander feindliche, nach Bedingungen und Regeln derExistenz vollkommen entgegengesetzte Klassen: Bürgerstand und Sol-datesca, von denen die erstere, dem Gesetze unterworfen, ohne Wider-spruch und Klagen Alles zu erdulden hatte, was die Willkür, Grausam-keit und Habgier der letzteren, über das Gesetz erhabenen, nur zuersinnen vermochte.
Hundert Völker, fest unter der Herrschaft Roms verbunden, dieQuellen des Volksreichthums der besten Provinzen von drei Erdtheilen,alle Ausklügeleien einer erfahrenen Staatskunst, alle Vorzüge einer ge-regelten und festen Militärorganisation, ein stehendes Heer, dreimal sostark, als jenes, mit welchem Rom einst die Welt erobert hatte, — diesAlles konnte überwältigt, ecrasirt und vernichtet werden durch die Heer-haufen armer barbarischer, aber verbündeter und unter einander einigerVölker. Und warum ? Weil die Verschwendung, der Mangel an Con-trolle, die vollkommenste Willkür in der militärisch-ökonomischen Admi-nistration beim römischen Heere herrschte, dessen Eigenwille nndHabgier alle Grundlagen zu seinem eigenen Unterhalte wie alle Verthei-digungsmittel des Staates unterwühlt und zerstört hatte.
Bei den germanischen und den übrigen Völkern Nord-europas, welche das Weströmische Reich zerstörten, gewährt derUnterhalt der Truppen im Kriege etwa folgenden Anblick:
In der Geschichte erscheinen die Germanen ganz zu Anfang getrenntin grössere und kleinere Stämme und Gemeinden, welche, in ihren innerenAngelegenheiten ganz selbständig, zur Zeit des Krieges sich einemHeerführer unterstellten, welchen die Römer König nannten. Ein grosserTheil aber ihrer Kriegsunternehmungen wurde nicht von der ganzenVolksmacht, sondern von besonderen Schaaren, Genossenschaften,ausgeführt, gebildet ans Edelingen oder Adeligen. Indessen scheint vonAnbeginn bei den einzelnen Völkern ein Heerbann oder ein allgemeinesVolksaufgebot organisirt gewesen zu sein mit einem eigenthümlichenund keineswegs ungeordneten Verpflegungsmodus. Schon Cäsar bemerktin seinen Commentaren, »dass das sehr mächtige und höchst kriege-rische germanische Volk der Sueven, welches an 100 Gauen besass,jährlich eben so viele Tausende von Bewaffneten über die Grenze in denKrieg schickte. Die zu Hause Zurückbleibenden ernährten diese, wie