454 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
Mangel oder schlechte Beschaffenheit eintrat. Um Abhülfe zu schaffen,wurde es nöthig, zu verschiedenen neuen Maassregeln zu schreiten, dieimmer drückend, sehr häufig aber unsittlich waren. Daher wurde diekriegsökonomische Verwaltug immer schlechter und schlechter und er-hielt nicht allein den Unterhalt der Truppen in keinem glänzenden Zu-stande, sondern brachte denselben immer weiter zurück. Nicht nur dasVolk wurde durch Steuern, Abgaben, Zölle u. s. w. bedruckt und aus-gesogen, auch das Heer ward in gewissenloser und schonungsloser Weisebestohlen und betrogen von den Beamten der kriegsökonomischen Ad-ministration, es erhielt nicht Alles, was ihm zustand, oder in schlechtemZustande. Vergeblich waren die Maassnahmen der besseren Kaisergegen die Unredlichkeiten dieser Leute. Man kann sagen, dass sie mitAllen im Kampfe lagen, denn Egoismus, Selbstsucht, Habgier, Ge-winnsucht, Hang zu Bereicherung, zu Luxus, •Genusssucht u. s. w. hattenalle im Staatsdienste Befindlichen ergriffen. Le Beau sagt (XXIII. Me-moire sur la legion romaine, in den Mein, de l'Acad. des InscriptionsBd. XLL): »Von Beamten der kriegsökonomischen Administration gabeseinganzesHeer, und die obersten unter denselben plünderten denStaat, die Armee und ihre Untergebenen aus, die Letzteren' dann abernahmen das, was für die Truppen noch übrig geblieben war. Die Einenempfingen in den Provinzen die Vorräthe in natura, die Anderen revi-dirten sie, wieder Andere besorgten den Transport, Vierte bewahrten siein den Magazinen auf, noch Andere gaben sie aus. Ueber ihnen warenControleure, über diesen Andere, Dritte u. s. w. Es gab Protokolle,Journale, Rechnungsbücher, Abrechnungen u. s. w. Und dabei kamendie Armeen vor Hunger um, während die Beamten, Controleure undLieferanten satt und reich wurden. Der theodosianische und justiniani-sche Codex enthielten eine Fülle von Gesetzen gegen diese Missbräucheund deren Urheber, und diese Gesetze wurden immer strenger, woraushervorgeht, dass die vorhergehenden zu Nichts genutzt hatten. Und wiekonnten sie auch helfen, wenn die Gesetzgeber selbst nur auf die Be-friedigung ihrer eigenen Begierden, nicht aber auf das Wohl ihrer Pro-vinzen , noch auf die Gesundheit und das Leben ihrer Truppen bedachtwaren. Was der Eine Gutes geschaffen hatte, das verdarb der Andere,der bisweilen sogar selbst lernte, wie die Truppen zu betrügen seien (wiez. B. Valentinian I., der verdorbenes, muffiges Korn mit frischem ver-mengen Hess, um dem Schatze keinen Abbruch zu thun). Das End-resultat von dem Allen aber war, dass Verpflegung und Unterhaltder Truppen immer schlechter und schlechter wurde. Die Soldatenihrerseits verschafften sich das ihnen nicht Gelieferte von den Ein-wohnern durch gewaltsame Wegnahme der letzten für deren eigeneExistenz erforderlichen Ueberbleibsel. So wurden die unglücklichen