62. Allgemeiner Ueberblick über die Kriegsgeschichte des Alterthums. 427
Es war somit in Athen in dieser Hinsicht kein Mangel an gutenGesetzen und an Einrichtungen, welche sogar in der Theorie vollkom-men genannt werden konnten. Anders freilich stand es mit der prakti-schen Ausführung, wozu es ehrlicher moralischer Charaktere und tüch-tiger Verwaltungstalente bedurfte. Aber gerade daran fehlte es denGriechen: mit Ausnahme weniger guter, sittenreiner und uneigennützi-ger Männer, wurde die Mehrheit, die Masse des Volkes von eigennützigenBeweggründen geleitet, waren Regierung und Regierende von unge-zügelten Leidenschaften und bösen Neigungen getrieben, alle von schäd-lichen Grundsätzen und schlechtem Geiste beseelt. Es ist daher nicht zuverwundern, dass wie im Staate überhaupt, so auch in der militärisch-ökonomischen Administration im Besondern , Betrügereien , Missbräucheund Beeinträchtigungen des Staatsschatzes vorkamen. Schon Aristides,der Zeitgenosse des Themistocles, führte darüber Klage, später Demosthe-nes noch in höherem Maasse. Fast alle Feldherren, besonders Memnonder Rhodier, Cleomenes, Alcibiades, Chabrias und viele Andere befleck-ten sich durch Missbräuche und Aneignung der Gelder, welche für denUnterhalt der Truppen bestimmt waren. Sogar Themistocles und Peri-cles waren von Vorwürfen in dieser Hinsicht nicht frei. Aus demselbenGrunde ist es nicht erstaunlich, dass die Griechen in ihren Kriegen sichhäufig in schwierigen Lagen befanden. Nicht weniger kann man hier-nach sich wundern, dass die Griechen, ausser den oben bezeichnetenMitteln für den Truppenunterhalt, noch zu solchen griffen, wie persi-sche Subsidien (z. B. Sparta gegen Athen) , Kriegsbeute, Auf-forder im g zu freiwilligen allgemeinen Spenden, Anleihen,Prägung schlechten Geldes u. s. w. Als Kriegsbeute galt, nachaltem Gesetze im Volke, jeder Einwohner eines eroberten Landes ohneAusnahme, mit Weibern, Kindern, Sklaven, beweglicher und unbeweg-licher Habe u. s. w., dies Alles ging in den vollen und ganzen Besitz derSieger oder Eroberer über und wurde von den Griechen häufig verkauft;der Geldertrag wurde theils für den Unterhalt der Truppen verwendet,theils- ging er in unrechte Hände über. Im Allgemeinen aber gereichenalle hier nachgewiesenen Mittel zur Erlangung von Geld, vereint gröss-tenteils mit Betrügereien, Habgier und Spitzbübereien aller Art, denGriechen überhaupt, insbesondere aber den Athenern (von welchen allesoben Gesagte vorzugsweise gilt) zu Schimpf und Schande.
Alles dies zusammengenommen führt zu der allgemeinen Folgerung,dass die gesetzlichen wie die nichtgesetzlichen Kriegs-Geldquellen bei un-ehrlicher Verwaltung derselben nicht sicher und solide waren , dass dieKriegskosten die Mittel der griechischen Staaten, besonders Athens,überschritten und bei Aussaugung des feindlichen oder eroberten, undsogar des eigenen Landes nicht allein zu einer guten Unterhaltung der