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Abth. 1, Das Alterthum Bd. 5 (1878) Von Augustus bis zum Untergang des weströmischen Reiches : (30 v. Chr. bis 476 n. Chr.)
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61. Allgem. Ueberblick über die röm. Kriegsgesch. von Augustus bis 476 n. Chr. 395

Nicht umsonst wurde ihm der Name »Geissei Gottes« beigelegt:er war es in der That in jeder Hinsicht gewesen. Wild, roh und grau-sam, ein Barbar in des Wortes vollster Bedeutung, hatte er doch vielengesunden Verstand, war höchst listig und verschlagen, besass im höch-sten Grade die Kunst, die Menschen nach seinem Willen zu lenken, undwar, gegen einzelne Personen grossmüthig, im Allgemeinen gegen dasmenschliche Geschlecht schonungslos, das er verachtete und hasste, wieNero. Ueberhaupt hatte er weit mehr wilde Instinkte, als menschlicheGefühle. Und dem entsprach sein Aeusseres: klein von Wuchs, hatte ereine eiserne Constitution und Willen. Seine Haltung war stolz und hoch-müthigj vor dem Blitze seiner kleinen aber feurigen Augen zitterten dieKühnsten. Der Krieg war sein Element und seiner Ueberzeugung nachdas Mittel, alle Völker der Welt zu unterjochen. Die ihm ergebenenHunnen, eben solche Wilden wie er, welche nur auf Raub und Plünde-rung sannen, verehrten ihn fast gleich einem Gotte. Seine Grossen führ-ten ein unmässiges, ausschweifendes Leben, er selber lebte sehr einfach,bei Gelegenheit bewirthete er seine Gäste mit einer Menge von Gerichtenund Getränken in goldenen und silbernen Gefässen, er selbst ass undtrank mit Maass aus hölzernem Geschirr. Im Allgemeinen nicht red-selig, konnte er bei einzelnen, wenn auch seltenen Gelegenheiten sehrschön und hinreissend reden. In seinem maasslosen Hochmuthe sich fastfür einen Gott ansehend, hielt er in seinem Geiste die ganze Welt fürseinen Besitz und glaubte, dass Niemand in der Welt es wage, in seineHände zu fallen oder gegen ihn aufzustehn. Er wurde jedoch in Galliendurch Aetius und Theodorich aufs Haupt geschlagen und dann mit Ver-lust durch Thorismund hinausgedrängt, in Italien aber gab er den Vor-stellungen des Papstes Leo I. und der schwierigen Lage seiner wildenHaufen nach, welche von Seuchen aufgerieben wurden. Eins allein warihm gelungen, die furchtbare Verwüstung, aller Länder, welche er vonOst nach West und Süd durchzog und bei welcher er Nichts verschonte,weder Menschen, noch Städte und Flecken.

§. 359.Odoaker.

Was weder Stilicho, noch Aetius, noch Ricimer, Gundobald oderOrestes hatten thun mögen, sich nämlich zum Heerkönig von Italien er-klären und damit endlich, noch im Anfang oder der Mitte des V. Jahr-hunderts, die Scheinexistenz des Weströmischen Reiches beseitigen, daswar auszuführen dem Odoaker (zu deutsch Ottokar) bestimmt. We-der seine Herkunft, noch seine Kriegsthaten bilden seinen eigentlichstenRuhm: derselbe besteht vielmehr, lediglich darin, dass er mit einem