396 IV- Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Eeiches.
Schlage, in 1 Jahre, in 1 oder 2 Monaten das Schicksal und die Existenzdes Weströmischen Eeiches entschied und ein neues Militair-KönigreichItalien schuf.
Seine Herkunft und sein Vaterland sind nicht genau bekannt: dieTradition sagt, dass er von niedrigem nicht adeligem Geschlechte stammte,aber in frühester Jugend schon unklare hochfliegende Pläne und Vor-ahnungen seiner zukünftigen Grösse hatte. Diese Erzählungen be-sagen , dass einmal einige germanische Christen verabredet hat-ten, nach Italien zu gehen, um dort das Glück zu suchen. Unter ihnenbefand sich ein hochgewachsener, kräftiger, schöner Jüngling mit feuri-gen Augen, mit Nanten Odoaker. Auf dem Wege, da, wo heute Passauliegt, sprachen sie bei einem Eremiten, dem Missionar Severinus, vor,um seinen Segen zu erbitten. In der niedrigen Hütte desselben war derRiese Odoaker gezwungen. mit gebücktem Haupte zu stehn, und derEinsiedler sprach, auf ihn blickend: »Zieh mit Gott nach Italien; jetztträgst Du ein schlechtes Gewand, aber die Zeit wird kommen, wo Duüber Viele befehlen wirst.«
Die grösste Unordnung herrschte in Italien, als Odoaker daselbstanlangte. Dem allgemeinen Drange nach Uebersiedelung von dem Nor-den nach dem Süden, nach Italien folgend, überschritten viele kleinegermanische Stämme die Alpen und breiteten sich in dem Thale des Poaus. Von allen diesen Stämmen waren nach Zahl und Macht die Eugierdie bedeutendsten, welche aus ihrer Heimath an dem Südgestade desbaltischen Meeres, dem heutigen Pommern, herabgekommen waren, woder Name der Insel Eugen noch an sie erinnert. Man nimmt an. dassOdoaker gleichfalls diesem Stamme angehörte. In den römischen Kriegs-dienst eingetreten, stieg er durch seine Klugheit und seine hervorragen-den Kriegsthaten allmälig im Eange empor und erlangte endlich den Gradeines magistermilitum. Als im October 475 der magister utriusque exercitusOrestes den Kaiser Nepos zur Flucht nach Salona genöthigt und an dessenStelle seinen (des Orest) minderjährigen Sohn Eomulus eingesetzt hatte,forderten die germanischen und die übrigen barbarischen Truppen in Ita-lien , des häufigen Wechsels der Imperatoren, wie der Unbestimmtheitihres Verhältnisses zu der römischen Eegierung müde, von Orest einegenaue und bestimmte Festsetzung dieses Verhältnisses und den drit-ten Theil von Italien, um sich daselbst niederzulassen.Als sie eine abschlägige Antwort erhielten, wandten sie sich mit dersel-ben Forderung an Odoaker, und dieser gab ihnen die entschiedene Zu-sage, dass er ihre Forderung erfüllen wolle. Nun sammelten sich umihn die Barbaren aus allen Garnisonen und Lagern Italiens, und im J.476 führte er sie nach Pavia, wo Orestes sich zu vertheidigen entschlos-sen war. Im August desselben Jahres eroberte Odoaker Pavia, Orestes