61. Allgem. Ueberblick über die rüm. Kriegsgesch. von Augustus bis 476 n. Chr. 389
selbstsüchtig und ehrgeizig, und strebte nur nach dem einen kläglichenZiele,- das Reich unter fremdem Namen zu beherrschen, dabei rücksichts-los in der Wahl seiner Mittel, zu jedem Verbrechen zur Erlangung seinesZieles fähig.
Diese drei Männer, Stilicho, Aetius und Ricimer, und nachihnen Gundobald uud Orestes waren charakteristische Typen der-jenigen Persönlichkeiten, von deren Interessen und Willen während derletzten 81 Jahre der traurigen Existenz des Weströmischen Reiches esallein abhing, ob das Trugbild politischen Bestehens dieses Reiches nochauf kurze Zeit aufrecht bleiben sollte, oder nicht. Sie Alle bekleidetenden Posten eines magister des Staates und aller Truppen, ernannten undentthronten die Kaiser, um in deren Namen Einfluss auf die Barbaren zuhaben, welche mehrere Provinzen des Reiches und schliesslich ganzItalien inne hatten. Sie Alle waren mehr oder minder fähige und ge-schickte Feldherren, wandten ihre Fähigkeiten und Kunst aber aus-schliesslich oder vorzugsweise zur Befriedigung ihres erbärmlichsten Ehr-geizes, offenbar zum Schaden des Staates, an. Bei alledem ist Stilichonoch immer höher zu stellen, als Ricimer, Gundobald und Orestes, —Aetius aber noch über Stilicho und über sie Alle.
§. 447.Alarieh.
Als nach Theodosius' d. Gr. Tode Stilicho und Rufinus in offeneFeindschaft gegen einander traten, um sieh gegenseitig zu stürzen, be-standen die Truppen, von denen der Schutz beider Reiche abhing,grösstentheils aus Germanen, Gothen und anderen Barbaren, und anihrer Spitze standen gleichfalls Barbaren. Diese Anführer gehorchtenden Statthaltern des Reiches nur widerwillig, und wenn Jene nicht ihrenWünschen und Forderungen nachkamen, so plünderten und verwüstetensie deren Provinzen.
Das erste Beispiel dieser Art gaben die Gothen, indem sie gleichnach dem Tode Theodosius' d. Gr. unter ihrem tapferen und verschla-genen Führer Alarieh eine drohende Haltung gegen das östliche Reicheinnahmen. Alarieh stammte aus einem der edelsten gothischen Ge-schlechter, der Balten, hatte mehrmals gegen Theodosius gekämpft,später ihm gedient, und fühlte sich, als Jener starb, dadurch verletzt,dass man ihn nicht zum Oberbefehlshaber aller Truppen des östlichenReiches ernannte. Aus dem römischen Dienste scheidend, bewog er diein diesem Dienste stehenden gothischen Miethstruppen, den Vertrag zubrechen, welchen sie mit Theodosius geschlossen, und ihm, Alarieh, denEid zu leisten. Bald danach wurden sie durch Abtheilungen der Hunnen,