388 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
leiben. Majorian entfaltete bei den Znrüstungen dazu ebensoviel Energiewie Geschick, aber Genserich verbrannte unvermuthet die römische Flotteim Hafen von Neu-Carthago. Dies diente dem Ricimer zum Anlass, sichvon Majorian loszusagen, der sich als Mensch von festem Charakter ge-zeigt hatte und bei dem Heere in Achtung stand, und deshalb nicht mehr,wie Eicimer gewünscht und gehofft hatte, von diesem abhängig seinkonnte. Indem er ihm das Misslingen der Unternehmung gegen AfrikaSchuld gab, es auf seine Unfähigkeit schiebend, bewog er ihn im J. 461zum Verzicht auf den Thron, er steht sogar im Verdacht, die 5 Tagespäter erfolgende Ermordung des Majorian herbeigeführt zu haben. Aber-mals war der Thron des Reiches 3 Monate lang von Niemandem besetzt,Ricimer führte die Geschäfte. Drei Monate danach, im November 461proklamirte er einen gewissen, gänzlich unbekannten Vibius Severus zumKaiser! Weder die germanischen Heereskönige, noch die römischenStatthalter in Gallien und Dalmatien erkannten Severus an, seine,richtiger gesagt, Ricimer's Herrschaft reichte nur über Italien und Si-cilien. Auf sich selbst angewiesen, geriethen sie in solche Bedrängniss,dass Ricimer nach Absetzung oder Ermordung des Severus im J. 465,dem Orientkaiser Leo I. vorschlug, den Kaiser für den Westen zu er-nennen, was Leo auch that, indem er den Schwiegersohn des gestorbenenMarcianus, Anthemius, auf den Thron setzte. Der Letztere wurde, alser im J. 467 mit einem Heere und reichen Geldmitteln in Rom ankam,mit Jubel aufgenommen und gab, behufs besserer Befestigung seines Ein-vernehmens mit Ricimer, diesem seine Tochter zur Gattin. Beide Reicheerneuerten den Plan gegen die Vandalen in Afrika und rüsteten dazu einezahlreiche Armee und Flotte aus. Aber auch dies Unternehmen misslang,zum Theil durch heimliche Verrätherei des obersten Führers Basiliscus,und abermaliges Verbrennen der römischen Flotte durch Genserich. DieFolge davon war, dass Genserich sich Siciliens bemächtigte und dasWeströmische Reich nur noch auf die Grenzen von Italien beschränktblieb. Hierzu kam noch Unfriede zwischen Ricimer und Anthemius, derbald zum offenen Kriege zwischen Beiden aufloderte. Ricimer wählteund proklamirte den Senator Olybrius zum Kaiser, Gemahl der Placidia,einer Tochter Valentinian's III., marschirte mit demselben sogleich aufRom und belagerte den Anthemius in dieser Stadt. Der Letztere ver-theidigte sich 3 Monate lang, endlich, am 11. Juli 472 erstürmte RicimerRom und gab es seinen Truppen zur Plünderung preis. Diese drittePlünderung war die furchtbarste, denn zu ihr gesellte sich noch die Pest.Anthemius ward ergriffen und hingerichtet, aber auch Ricimer überlebtenicht lange dieses letzte Opfer seines Ehrgeizes, denn am 20. Augustdesselben Jahres erlag er der Pest. Unzweifelhaft ein geschickter undbefähigter Heerführer und Staatsmann, war er zugleich, wie Stilicho.