386 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
obgleich von römischer Herkunft, durch seine Erziehung mehr zum Bar-baren, auch gelang es ihm, einen gewissen Einfluss auf die Gothen undHunnen zu gewinnen. Nachdem er dann in den römischen Kriegsdienstgetreten, erreichte er rasch durch seine ungewöhnlichen Gaben und seineTapferkeit, alle Grade durchlaufend, die höchsten Stellen im westlichenReiche. Nach dem Tode des Honorius im J. 423 proklamirten Castinusund Aerius den Johannes zum Kaiser, zu dessen Hülfe Aetius 60,000 ausGothen und Hunnen geworbene Krieger heranführte. Er traf aber zuspät ein: Ravenna war von Aspar eingenommen, dem Feldherrn Theodo-sius' IL, der darin gefangen genommene Johann hingerichtet. Da er ihnnicht retten konnte, so mochte Aetius ihn auch nicht rächen: für ihn wares ganz gleich, ob er dem Johann oder Valentinian III. diente, denn dasvon ihm befehligte Heer sicherte ihm einen wichtigen Einfluss im Reiche.In der That wünschte Placidia, die Mutter des unwürdigen Valentinian,welche das Reich regierte, den Aetius lieber für als gegen sich zu haben,sie nahm ihn mit seinem Heere in ihren Dienst und ernannte ihn zummagister aller Truppen und zum obersten Minister, Castinus verlor allenEinfluss. Aetius aber verfolgte mit seinem Hasse den bei Placidia inhoher Gunst stehenden Bonifacius, in welchem er einen gefährlichenNebenbuhler fürchtete, und beschloss ihn zu stürzen. Diese persönlicheFeindschaft zwischen den beiden Männern, welche durch ihre Begabungdas sinkende Reich hätten halten können, war für dasselbe von traurigenFolgen. Bonifacius fiel, in Folge der Intriguen des Aetius gegen ihn,von Placidia in Afrika ab und rief Genserich, den König der Vandalenaus Hispanien zu Hülfe. Als der Letztere aber im J. 429 in Afrika mit80,000 Vandalen, Alanen, Westgothen und anderen Barbaren erschien,welche Afrika furchtbar zu verheeren begannen, bereute Bonifacius, dasser sie herbeigerufen, söhnte sich rasch mit Placidia aus, wurde aber,obgleich durch Aspar mit einem Heere verstärkt, von Genserich ge-schlagen und verliess, gleich Aspar, im J. 431 Afrika, das nun von Gen-serich vollständig occupirt wurde, welcher daselbst das neukarthagischeReich gründete und sich bald auch Sardinien's und Corsica's bemächtigte.Nach der Rückkehr des Bonifacius nach Ravenna an Placidia's Hof undnach seiner Ernennung zum magister aller Truppen verwandelte sich dieFeindschaft zwischen ihm und Aetius in einen Bürgerkrieg. Sie rückten.Bonifacius von Ravenna und Aetius aus Gallien, mit ihren Heeren ein-ander entgegen, es kam im J. 432 zur Schlacht, Bonifacius erfocht denSieg, ward aber von Aetius selbst schwer verwundet und starb nach dreiMonaten. Aetius ging zu seinen Freunden, den Hunnen, stellte sich andie Spitze eines bei ihnen geworbenen Heeres, rückte in Italien ein undzwang Placidia, sich mit ihm auszusöhnen und ihm das Amt eines ma-gister utriusque exercitus zu übertragen.