Druckschrift 
Abth. 1, Das Alterthum Bd. 5 (1878) Von Augustus bis zum Untergang des weströmischen Reiches : (30 v. Chr. bis 476 n. Chr.)
Entstehung
Seite
383
Einzelbild herunterladen
 

61. Allgeni. Ueberblick über die rüm. Kriegsgesch. von Angustus bis 476 n. Chr. 383

baren bedrohten Staates einen begabten und geschickten Kaiser und Feld-herren erforderte, wie grade Theodosius es sein mochte. Der Letztererechtfertigte die Wahl Gratian's aufs glänzendste : durch verständige undgeschickte Maassnahmen brachte er die Gotben zur Unterwerfung, sie-delte die West-Gothen in Thracien, die Ost-Gothen in Phrygien undLydien an, und Hess sich dafür von ihnen 40.000 Mann Hiilfstruppen stel-len. Inzwischen hatte er. im 38. Jahre, sich taufen lassen und unter-drückte als eifriger, rechtgläubiger Christ und entschiedener Gegner derarianischen Ketzerei während seiner Regierung diese Lehre im östlichenTheile des Reiches gänzlich. Bald machte auch im Westen sein Einflusssich geltend: nach der Ermordung Gratian's im J. 383 durch den Thron-räuber Maximus warf Theodosius sich zum Beschützer des minderjähri-gen Bruders des Gratian, Valentinian IL auf und besiegte den Maximus.Als aber Valentinian sich nicht auf dem Throne zu behaupten vermochteund von seinem magister, dem Franken Arbogast. ermordet wurde,wandte Theodosius sich gegen den von Letzterem aufgestellten KaiserEugenius und besiegte im J. 394 zwischen den Alpen und dem adriati-schen Meere mit einer nur aus Barbaren zusammengesetzten Armee dasHeer des Eugenius und Arbogast, welches gleichfalls nur aus Barbarenbestand. Durch diesen einen Sieg entschied er den Krieg, ganz ebenso,wie er vordem mit einem Schlage den Krieg gegen Maximius beendethatte, und nachdem er somit zweimal den Westen erobert hatte, ver-einigte er denselben mit dem Osten unter seiner alleinigen Herrschaft(394). Hierbei zeigte er in allen seinen Kriegsunternehmungen, sowohlgegen die Gothen, wie gegen Maximus und Eugenius, die ungewöhnlichekriegerische Begabung eines Feldherrn ersten Rauges und leistete demStaate durch seine Siege den grössten Dienst. £wei andere wichtigeVerdienste erwarb er sich in Bezug auf Religion und Gesetzgebung:durch Abschaffung des Heidenthums als Staatsreligion und Einsetzungder christlichen Kirche nebst deren Geistlichkeit, und durch Erlassungweiser Gesetze hinsichtlich der Kirchenverwaltung, des öffentlichen undprivaten Lebens, welche Gesetze später unter Theodosius II. in -dembekannten Theodosianischen Codex aufgenommen wurden.

Theodosius L, mit Recht der Grosse genannt, hatte unzweifelhaftweit mehr Rechte auf den römischen Kaiserthron, als seine Mitregentenund Gegenkaiser. Die Kraft und Lebhaftigkeit seines Geistes, seineausdauernde und unausgesetzte Thätigkeit und Wachsamkeit, seine jenach Umständen bald mit Strenge, bald mit Milde gepaarte Klugheit,die grösstentheils glückliche Wahl seiner Rathgeber, Helfer und Statt-halter machten ihn zu einem der verdienstvollsten und berühmtesten rö-mischen Kaiser unter allen seinen Vorgängern und Nachfolgern. Erstellte die Ordnung im Innern des Staates, die Achtung vor dem römi-