Druckschrift 
Abth. 1, Das Alterthum Bd. 5 (1878) Von Augustus bis zum Untergang des weströmischen Reiches : (30 v. Chr. bis 476 n. Chr.)
Entstehung
Seite
366
Einzelbild herunterladen
 

366 IV. Von Augustus bis zum Untergange des Weströmischen Reiches.

Gerichtsangelegenheiten und führte mehrere derselben glänzend durch.Dann bekleidete er das Amt eines Quästor mit Aufmerksamkeit und be-gleitete in der Stellung als Legions-Legat seinen Vater in dem judäischenKriege. Nach der Ermordung Nero's und der Ernennung Galba's wurde ervon seinem Vater zu Letzterem geschickt, um ihn von Jenes Treue zuversichern. Da er aber unterwegs erfuhr, dass Galba ermordet, zwischenOtho und Vitellius aber ein Bürgerkrieg ausgebrochen sei, kehrte er zuseinem Vater zurück, um nicht in jener Beiden Hände zu fallen. Nach-dem Vespasian zum Kaiser ernannt, erhielt er von diesem den Ober-befehl über das Heer in Judäa, und beendete ruhmreich den dortigenKrieg durch die denkwürdige Belagerung von Jerusalem und Einnahmeder Stadt nach mörderischem Kampfe. Obgleich er hierbei so vielMenschlichkeit walten Hess, wie die Umstände irgend erlaubten, so istes doch schwer zu rechtfertigen, dass er viele Gefangene an's Kreuzheften Hess. Nach der Einnahme von Jerusalem ging er für einige Zeitnach Alexandria, empfing hier eine Gesandtschaft des parthischen Königsund kehrte sodann nach Rom zurück, wo er einen glänzenden Triumphfeierte. Er wurde von Vespasian zum Mitregenten gemacht und standwährend des ganzen Lebens des Letzteren mit ihm in bester Eintracht.Wenn man dem Sueton glauben darf, so war dieser Lebensabschnitt einkeineswegs rühmlicher für Titus, denn dieser ergab sich der Unmässig-keit, verkehrte mit den lüderlichsten jungen Leuten Roms, war grausam,in richterlichen Dingen bestechlich, vertheilte ohne Erlaubniss seinesVaters wichtige Aemter, und erregte in Rom grosses Aergerniss dadurch,dass er aus Judäa die schöne Berenice mitgebracht hatte, Tochter desjüdischen Königs Agrippal., Wittwe des Herodes, Königs von Chalcis,welche er leidenschaftlich liebte u. s. w. Allgemein glaubte man damalsin Rom, wie Sueton versichert, dass Titus ein zweiter Nero werden würde.Aber das geschah keineswegs, sondern nach Vespasian's Tode ging inTitus eine totale Veränderung vor. Herzensgute und Leutseligkeit bil-deten die Hauptztige seines Charakters, weshalb er mit Recht »amor etdeliciae generis humaniv. genannt wurde. Sein Grundsatz war,»dass Niemand unbefriedigt von ihm scheiden solle«, und als er einsteinen ganzen Tag hindurch keine Wohlthat hatte erweisen können, sagteer zu seinen Freunden: »ich habe einen Tag verloren.« Aber man warfihm zu grosse Nachgiebigkeit gegen die Höflinge und gegen die rohenLeidenschaften des römischen nach Schauspielen dürstenden Pöbels vor.Allgemeine Freude verursachte er in Rom dadurch, dass er Berenice nachJudäa zurückschickte. Herculaneum, Pompeji, Stabiae und andere Städtewurden unter seiner Regierung durch einen schrecklichen Ausbruch desVesuv verschüttet, in Rom wüthete ein furchtbarer Brand und danacheine Seuche. Mit rührender Güte suchte Titus dieses allgemeine Elend