61. Allgem. Ueberblick über die röm. Kriegsgesch. von Augustus bis 476 n. Chr. 357
Truppen dorthin aufbrechen werde, wie es denn auch in der That ge-schah. Am Tage vor des Varus Abmarsch waren noch Segest und Her-mann zum Abendessen bei ihm, der Erstere warnte Varus auf's Neue,aber er wollte abermals nicht glauben, sondern befahl im Gegentheil demHermann, dass er alle seine ihm unterstellten Hülfstruppen der Germanensammeln und sie den Römern zur Unterstützung herbeiführen solle. Dannmarschirte er mit den drei in Kämpfen erprobten Legionen zu dem Ge-birge an der Weser, da, wo heute die Städte Herford und Salzuffelnliegen. Hermann hatte seine Truppen gesammelt und führte sie nun aufeinem kürzeren ihm allein bekannten Wege in den Rücken der Legionendes Varus, dessen Arrieregarde er unvermuthet überfiel. Der selbst-gefällige Varus hielt anfänglich nur für einen kühnen Streich einiger ver-wegener Männer, was der tief und wohl überlegte Plan Hermann's war:der Letztere wollte die Kräfte des Varus zuerst theilen und schwächen,um sie dann um so gewisser zu vernichten.
In der gebirgigen waldigen Gegend, welche Varus notwendigerWeise in aufgelöster Ordnung durchziehen musste, machten die Germanenbei jedem Schritte, in jedem Engpass und Hohlweg seine Soldaten einzelnnieder. Zur Nacht Hess Varus die Legionen halten, befahl ihnen sichrasch mit einem Graben zu umgeben und Alles zu verbrennen, was demweiteren Marsche beschwerlich sein könnte. Am anderen Tage zogenseine Legionen trotz der sie umringenden Abtheilungen der Germanen indie Ebene in Schlachtordnung und kamen in das Land, wo die hoheTeutoburg stand, wo heute die Stadt Detmold liegt. Hier aber flog ausjedem Busch, jedem Hohlweg, hinter jedem Baume hervor ein wahrerHagel von Geschossen auf die Römer, gleichzeitig erhob sich ein Sturm-wind, von furchtbarem Regenguss begleitet. Die Römer versanken imSchmutze; gewaltige Eichen, vom Sturm niedergerissen, stürzten imFallen über sie; die Germanen drangen von allen Seiten heftig auf die Rö-mer ein, sie mussten jeden Schritt erkämpfen und konnten erst zur Nachtsich einigermaassen erholen. Varus bezog mit ihnen ein verschanztes La-ger, aber auch da hatten sie keine Ruhe vor dem Kriegsgeschrei der Ger-manen. Am dritten Morgen sahen die Römer, wie sehr ihre Reihen sichgelichtet hatten, allein eng zusammenschliessend setzten sie sich inMarsch und kamen in ein offenes, Senna genanntes Feld. Hier sahensie mit Schrecken vor sich die ganze Masse der Verbündeten, welche mitdem lauten Ruf: »Freiheit, Freiheit!« von allen Seiten sich mit Ungestümauf sie stürzten, Hermann an ihrer Spitze, bald die Seinigen anfeuernd,bald mit gewaltiger Kraft selbst kämpfend. Bald waren die Römerdurchbrochen, in Unordnung gebracht, geschlagen und grösstentheilsniedergehauen, nur wenige wurden zu Gefangenen gemacht oder rettetensich durch die Flucht; die Gefangenen wurden den Göttern geopfert.