346 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
des römischen Heeres im Besonderen warf die ihr gesetzte Schrankenieder. Wie ein rasender Strom den Damm zerreisst, so brach sie,nachdem sie die Schranke niedergeworfen, mit um so stärkerer Gewaltund Wuth hervor, ergoss sich nach allen Seiten und nahm nun sofort dieForm des schrecklichsten ungezügeltesten Militär-Despotismus an,zunächst bei den prätorianischen Cohorten, dann auch bei den Legionen,namentlich den Grenzlegionen. Mit einem Schlage waren die wohlthä-tigen Anordnungen und Einrichtungen des Augustus vernichtet und ver-schwunden, das römische Heer ward aus einem wohlorganisirten, wie esunter Augustus gewesen war, ein Heer von Räubern, weit gefährlicherund furchtbarer für den Staat, als für die inneren und namentlich für dieäusseren Feinde. Und wohin waren gleichzeitig alle die ihm vonAugustus geschaffenen Vorzüge gerathen: die Ordnung in der militä-rischen Befehlsführung und Verwaltung, in der taktischen und innerenOrganisation des Heeres und der Truppen, und vor Allem die militärischeDisciplin und der erforderliche acht soldatische Geist nebst allen kriege-rischen Tugenden, welche ein Heer schmücken sollen? Es war muthigund tapfer, aber auch grausam, wie eine Räuberbande; es galt in dem-selben mehr weder Recht, noch Ehre, noch Gewissen, noch Treue gegenEid und Pflicht, noch Liebe zum Vaterlande, noch alle diesen ähnlicheedle und erhabene Tugenden. Tibi bene , ibi patria war auf's Neuedie Devise geworden, wie zur Zeit der Bürgerkriege; Eigenliebe, Hab-sucht, Geldgier, Hang zu jReichthum, zu Ueppigkeit, zu Plünderung undBlutvergiessen, und eine unbegrenzte Willkür — waren die an die Stelleder früheren Tugenden getretenen Laster. Desorganisation, Unordnung,Missbräuche und alle möglichen Scheusslichkeiten auf allen Gebieten dermilitärischen Organisation folgten einander und übertrafen Alles, wasnach dem Tode Alexander's d. Gr. im Orient, oder in den römischenBürgerkriegen bis zu Augustus vorgekommen war. Die Krone von Allemaber bildete eine Niedrigkeit der Gesinnung, eine, gerade heraus gesagt,Gemeinheit und Niederträchtigkeit, welche das ganze Heer von ohenbis- unten durchsetzte, und welche in der Geschichte ohne Beispieldastand! — Und dies Alles floss, wie schon bemerkt, aus einer und der-selben trüben Quelle, der vollständig verderbten und verpesteten römi-schen Welt, der Herrscher und Befehlshaber im Heere wie im Volke,trotz der sich mehrenden Zunahme der christlichen und barbarischenElemente in Beiden. Und so ging Alles in steigender Ausdehnung undGewalt weiter bis Diocletian und besonders Constantin d. Gr. demselben,leider nur für kurze Zeit, eine Grenze setzten.
Diocletian und Constantin d. Gr. wollten das verderbliche Uebeldurch eine neue Form des Staats- und Heerwesens überwinden und gabendiesen die den orientalischen unbeschränkten Monarchien