342 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
kriegerischer aktiver, handelnder Energie ihm dagegen nachstehend,sich vielmehr mehr passiv oder leidend verhaltend.
Inzwischen begann gleichzeitig mit dem Christenthum seit dem1. Jahrh. n. Chr. allmälig mehr und mehr das barbarische Elementin das römische Heer einzudringen. Schon unter Augustus und seinennächsten Nachfolgern fingen viele vornehme Germanen an, im römischenHeere Dienste zu nehmen und sich auszubilden, wenn auch die Reihender römischen Legionen sich noch nicht mit einer irgend erheblichen An-zahl derselben füllten. Später aber, je weiter hin, desto mehr, wurden dierömischen Armeen mit Barbaren ergänzt, welche theils gezwungen, theilsfreiwillig gegen Sold gemiethet waren. Dieses Element bietet seinerseits,gleich dem christlichen, einen vollkommenen Gegensatz gegen das heidni-sche, j a auch gegen das christliche, obgleich es in mehrfacher Hinsicht Aehn-lichkeit mit letzterem hat. Durch die Grösse ihres Wuchses, ihre Körper-kraft, ihren kriegerischen unruhigen Geist, durch ihren Muth, Zähigkeit,Tapferkeit, ihre einfachen rauhen unverderbten Sitten übertrafen dieBarbaren entschieden die heidnischen Römer im Heere, die Art aber ihrerTugenden, ob schon heidnischer, ihre Rechtschaffenheit und Treue, durchwelche sie gleichfalls über den heidnischen Römern standen, Hess sie inkeiner Weise hinter den Christen zurückstehen. Sie übertrafen dagegen dieLetztereninsofern, als sie durchaus nicht, wie Jene, ein passives oder leiden-des Element, sondern im Gegentheil ein höchst aktives, thätiges bildeten.
Das Christenthum, das römische Heidenthum und das barbarischeheidnische Element im römischen Heere während der ersten 3 Jahrh.stellen sich daher in folgenden gegenseitigen Beziehungen dar:
Das christliche und das barbarische Element erlangen und bewahrenallmälig das Uebergewicht über das römische Heidenthum, das Christen-thum in Bezug auf Zahl und Gesittung, das Barbarenthum gleichfalls innumerischer und, in seiner Weise, in sittlicher Hinsicht, hauptsächlichjedoch in kriegerischer. Aber das römisch-heidnische Element ist ihnenentschieden insofern überlegen, als ihm die Macht gehört, politisch,bürgerlich und militärisch, ihm sind im Heere sowohl die Christen, alsdie Heiden und die Barbaren untergeordnet. Da aber das römisch-heidnische Element auf's Aeusserste verderbt und corrumpirt war, so istauch diese seine Macht im Heere eine solche und fördert solche unge-heuerlichen Erscheinungen zu Tage, wie deren die Geschichte sonst keinBeispiel aufweist: Meutereien der Truppen, Ermordung ihrer Befehls-haber durch sie, Ernennung der Kaiser, Eigenmächtigkeit. Gesetzlosig-keit, Lüderlichkeit, und alle gemeinsten Laster, und daneben Feigheit,Ehrlosigkeit u. s. w. Durch diese römisch-heidnische Macht lässt sichauch nur der scheinbare Widerspruch zwischen der Ueberlegenheit derChristen und der Barbaren an Zahl, Moralität und kriegerischen Sinn und