320 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Eeiches.
mit ihm die letzte Stütze des Reiches gefallen sei. Die Seeräuber desPontus Euzimis (Schwarzen Meeres) fielen in Armenien ein, das „sie ver-heerten, Meroväus mit den Franken dehnte seine Macht in Gallien mehrund mehr aus, das ganze Volk der Sueven brach von jenseits des Rheinsin dasselbe ein, und Valentinian, der den Beschützer des Reiches, Aetius,ehrlos ermordet hatte, sah sich genöthigt, die mit den Barbaren durchLetzteren abgeschlossenen Verträge zu erneuern. Aber von Allen ge-hasst, ward er selbst im J. 455 auf dem Marsfelde Angesichts der Truppendurch Verschworene aus den Offizieren niedergestossen, welche dazudurch einen vornehmen Patrizier, Maximus, angereizt waren. Valen-tinian hatte diesen persönlich beleidigt. Am folgenden Tage ward Ma-ximus zum Kaiser ausgerufen.
§. 426.Feldzüge Ricimer's (457 — 472).
Nach der Ermordung des Maximus und der Plünderung Roms durchden Vandalenkönig Geiserich im Juni 455 veranlasste Theodorich II.,König der Westgothen, im August desselben Jahres den PräfektenA-vitus den Purpur zu nehmen, und versprach ihm seine Hülfe, wofürAvitus ihm einen Theil von Spanien abgetreten zu haben scheint. InRom wurde Avitus kühl empfangen, sogar unfreundlich, weil die Römerihn den gallischen Usurpator nannten, die im römischen Dienste stehendenBarbaren aber unter ihm ihre -alte Macht und Einfluss einzubüssenfürchteten, da er von den Westgothen gewählt war. Unter den An-führern dieser Barbaren stand damals Ricimer besonders hoch im An-sehen, der Sohn eines Sueven und einer Gothin. Er kündigte demAvitus den Gehorsam auf, und dieser, der Hülfe der Westgothen be-raubt, entsagte dem Throne, trat in den geistlichen Stand, floh aber, seinLeben in Gefahr glaubend, nach Gallien und starb auf dem Wege dorthin(Ende 456). Nach seiner Abdankung ging die höchste Gewalt mit dem16. Oktober 456 in Ricimer's Hände über. Klug, tapfer, im Kriegs-wesen erfahren, das er in den Kriegen und Feldzügen des Aetius erlernthatte, und gleich fähig zu heroischen wie zu verbrecherischen Thaten.war Ricimer ganz der Mann, um in diesen letzten Jahren des West-römischen Reiches eine Rolle zu spielen. Hätte er sich nicht zum Kaiserdesselben, sondern zum Könige von Italien ausrufen lassen, so würde dasWeströmische Reich schon im J. 456 zu bestehen aufgehört haben. Erzog es aber vor, über dasselbe unter dem Namen seines Freundes Majo-rianus zu herrschen, der wegen seiner Befähigung, Eigenschaften undTapferkeit in bestem Ansehen stand und nach seiner Erhebung auf den