304 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
zog eiligst 30 Legionen zusammen, nahm ein starkes Corps der Alanenin Sold, zog den Hunnenkönig U1 d e s und den unabhängigen germani-schen Fürsten Sarusan sich und rückte nun rasch dem Radagais ent-gegen. Der Letztere war inzwischen bereits durch die Provinz Tusciengezogen und belagerte Florenz. Sein in.3 grosse gesonderte Heerhaufengetheiltes Kriegsvolk war aber so nachlässig, dass schon bevor er Stilicho'sAnmarsch erfuhr, eines dieser Corps durch die Hunnen geschlagen undaufgerieben war, so dass Radagaissich gezwangen sah, die Belagerungvon Florenz aufzuheben und sich zurück zu ziehen. Er verstand so wenigvon der Kriegführung, dass, anstatt die weiten Ebenen zu Actionen seinerzahlreichen Keiterei zu verwerthen , er sich in den Bergen von Fessulaeeinschliessen liess. Der gänzliche Mangel an Lebensmitteln brachte seineTruppen bald zur Verzweifeluug, und als er sich durch die Flucht demUntergange entziehen wollte, wurde er von ihnen festgehalten und ent-hauptet. Dann legte sein ganzes Heer die Waffen nieder, Mann für Mannwurden die Krieger als Sklaven verkauft, ein grosser Theil von ihnenstarb jedoch in Folge der ausgestandenen Entbehrungen, 12,000 der aus-erlesensten Männer nahm Stilicho in römischen Sold.
Nachdem Italien von dieser drohenden Gefahr befreit war, traf Sti-licho im J. 406 Anstalten zu gemeinschaftlichem Handeln mit Alarich,schlug ihm vor den Feldzug zu eröffnen und versprach, dass er binnenKurzem mit seinem Heere zu ihm stossen wolle. Ehe er dies aber aus-fuhren konnte, rief ein verheerender Einfall der Vandalen, Sueven undAlanen in Gallien ihn in dieses schon lange fast allen Schutzes entbehrendeLand. Die genannten Völker hatten Mainz, Worms, Speyer, Cöln,Strassburg, und viele andere Städte eingenommen und zerstört und er-gossen sich einem Strome gleich durch ganz Gallien und Belgien, nurLaon leistete ihnen ausdauernden Widerstand, während Toulouse durchseine feste Lage vor ihnen gerettet blieb. Aber wer von den unglück-lichen Landesbewohnern nicht durch das Schwert umkam, der erlag demHunger. Drei Jahre (406—408) währte diese furchtbare Verwüstung,Stilicho war nicht im Stande ihr Einhalt zu thun, sondern musste sich aufeine vorsichtige Defensive beschränken. Dem Beispiele aber der dreigenannten Völker folgten die Alemannen und Burgunden. Die Ersterenbemächtigten sich des ganzen Landstriches von Mainz bis Basel, bis sievon den Franken verdrängt wurden, die Burgunder setzten sich in Hel-vetien, dem südöstlichen Gallien und dem heutigen Savoyen fest undbreiteten sich bald auch über das Gebiet der Sequaner und Aedueraus (407).
Der Schrecken dieser Einfälle der Barbaren erstreckte sich bis nachBritannien. Die dort stehenden Legionen, von den östlichen Barbarenund den nördlichen Picten und Scoten bedroht und ohne Aussicht auf