Druckschrift 
Abth. 1, Das Alterthum Bd. 5 (1878) Von Augustus bis zum Untergang des weströmischen Reiches : (30 v. Chr. bis 476 n. Chr.)
Entstehung
Seite
283
Einzelbild herunterladen
 

59. Die wichtigsten Kriege und Feldzüge der Eömer in dieser Periode. 2S3

diese Letzteren waren unter sich so uneinig, dass sie keinen gemein-schaftlichen Operationsplan zu entwerfen und auszuführen vermochten.

Endlich entschloss sich Julian, ihnen entgegen zu gehen, mit Heerund Flotte den Tigris hinauf. In diesem Momente erschien in seinemLager ein vornehmer Perser, welcher dem Julian arglistiger Weise er-zählte, dass er vor den Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten Sapor'sentflohen sei, welcher vom Volke gehasst werde, dass die persische Re-gierung nur auf schwachen Flissen stehe; zugleich bot er sich als Geiselund Führer den Römern an. Vergebens warnte Hormisdas den Kaiser vorVerrath: Julian Hess, dem Verräther Gehör schenkend, seine Flotte bisauf 22 kleine, für den etwaigen Bau von Schiffbrücken bestimmte Schiffeverbrennen, ebenso alle seine Vorräthe mit Ausnahme von der für 22Tage ausreichenden Lebensmitteln für das Heer. Laut murrend über dieVerbrennung der Schiffe sammelten sich die Soldaten vor dem Zelte Ju-lian's und forderten die Hinrichtung des persischen Ueberläufers, und nunbekannte dieser, den Tod vor Augen sehend, dass er diesen Rath gegebenhabe, um sein Vaterland zu retten. Julian widerrief sogleich den gege-benen Befehl, aber es war zu spät, nur noch 12 Schiffe konnten gerettetwerden. Es Hessen sich jedoch immerhin Gründe anführen, welcheeinigermaassen die Verbrennung der Flotte rechtfertigten. Gegen diestarke und reissende Strömung des Tigris stromauf zu segeln, war un-möglich; sie am Ufer des Flusses dnrch Mannschaften bewachen lassen,hätte die halbe Armee erfordert, und die andere Hälfte derselben hätteden Persern keinen genügenden Widerstand leisten können. Sobald imKriegsrathe beschlossen war, Ctesiphon nicht zu belagern, sondern amTigris hinauf nach Armenien zu rücken, wurde die Aufopferung der Flottedoch unerlässlich.

So brach denn die Armee, durch die Soldaten der Flotte bedeutendverstärkt, vom Tigris auf, nicht an demselben hinauf, sondern in dasInnere von Persien, von persischen Führern geführt, da in der römischenArmee Niemand den Weg wusste. Anfangs durchzog sie fruchtbare undbevölkerte Gegenden, bald aber kam sie in solche, wo die Bewohner derStädte und Dörfer diese verlassen und alle Lebensmittel mit sich ge-nommen hatten. Nahe der Stadt Noorda sah Julian sich genöthigt, einigeZeit zu rasten. Hier begannen die Perser seine Armee unaufhörlich zubeunruhigen, zuerst nur mit kleinen, dann mit ganz grossen Abthei-lungen. Und obgleich alle Treffen mit ihnen zu Gunsten der römischenTruppen abliefen, so konnten diese ihre Erfolge doch nicht ausnutzen,da sie, genöthigt immer wieder vorwärts zu marschiren, um Armenien zuerreichen und nicht an Lebensmitteln Noth zu leiden, die Perser nie weitverfolgen konnten. In einem zusammenberufenen Kriegsrathe wurde derEntschluss gefasst, statt des Marsches durch die entvölkerte und ver-