282 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
alle erforderlichen Anstalten, um den Tigris bei Nacht zu überschreiten.Unter dem Vorgeben einer Besichtigung der Proviantvorräthe liess ereinige Transportschiffe seiner Flotte abladen und ausrüsten. Mit An-bruch der Nacht berief er die höheren Truppencommandeurc in seineZelte und eröffnete ihnen, dass er den Uebergang in dieser selben Nachtzu bewerkstelligen entschlossen sei. Alle Gegenvorstellungen wider- ,legend, übertrug er an Victor den Befehl über die Vorhut. Das Zeichenzum Aufbruch wurde den Truppen ungesäumt gegeben und die Ein-schiffung abtheilungsweise begann. Victor setzte mit den tapferstenKriegern auf 5 Schiffen zuerst über den Tigris, war bald in der Dunkel-heit der Nacht verschwunden, wurde aber am anderen Ufer mit Brand-pfeilen und Fackeln empfangen. Julian, den ungünstigen Eindruck be-merkend, den dies auf die Armee hervorbrachte, rief ihnen sogleich lautzu, dass die Avantgarde bereits das linke Ufer erreicht habe und von dortdas verabredete Signal gebe. Nun wurde ungesäumt die ganze Armeeauf die Schiffe gesetzt und erreichte gegen Mitternacht das andere Ufer.Nach Ueberwindung grosser Schwierigkeiten bei Ersteigung des steilen,vom Feinde vertheidigten Ufers wurde das Heer auf der Höhe in Schlacht-ordnung in 3 Linien formirt, griff mit Tagesanbruch die Schlachtlinieder Perser an, und hatte bis Mittag hin ihre erste Linie zum Weichen ge-bracht. Bald wandte sich die ganze persische Armee zur Flucht nachCtesiphon, Julian hatte Mühe, seine Truppen von zu rascher Verfolgungzurück zu halten; die Römer hatten an diesem Tage die altrömischeTapferkeit, Ausdauer und Energie bewährt. Reiche Beute im Lager desGegners ward ihnen zum Lohn. Die Perser hatten etwa 2500 Todte aufdem Schlachtfelde gelassen, das Heer Julian's nur etwa 70. Julian be-lohnte die Tapfersten durch besondere Auszeichnungen und brachte demMars feierliche Dankopfer.
Nach fünftägiger Rast der Armee im Lager bei Abazathra stellteJulian sie in Schlachtordnung auf, die Perser zum Kampf im offenenFelde herausfordernd, und schon verwüstete Arinthäus mit einem Corpsleichter Cavallerie die Umgebungen von Ctesiphon, als Sapor eine Ge-sandtschaft mit Friedensvorschlägen schickte. Julian aber, der gleichAlexander d. Gr. den Krieg gegen die Perser bis auf's Aeusserste führenwollte, lehnte alle Friedensunterhandlungen ab.
Inzwischen kam der Zeitpunkt heran, in welchem Procopius und Se-bastianus mit den Hülfstruppen des Arsaces zu Julian's Heere stossenmussten, aber sie erschienen nicht. Julian schickte Bote auf Bote an sieab. — umsonst: Arsaces machte sich des Verrathes schuldig, indem erzuliess, wahrscheinlich sogar veranlasste, dass die von ihm befehligtenHülfstruppen das Lager des Procopius und Sebastianus verliessen, und