250 IV. Von Augnstus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
höheren und reicheren Klassen mit sich fort, um für dieselben grosseLösegelder zu gewinnen.
Die Wiederbesetzung des erledigten und schon aller Bedeutungermangelnden Thrones übernahmen die Westgothen, deren KönigTheodorich IL im August 455 den Präfekten Mecilius Avitus inHispanien zur Anlegung des Purpurs bevvog und ihm seine Hülfe dazulieh, wofür Avitus einen Theil von Hispanien an ihn abgetreten zu habenscheint. Avitus aber, obgleich von dem oströmischen Hofe anerkannt,wurde in Rom feindlich empfangen, weil er durch die Westgothen, undnicht durch die im römischen Heere stehenden Barbaren erhoben wordenwar. Unter den Anführern der Letzteren hatte sich um diese Zeit be-sonders Ricimer hervorgethan, väterlicherseits ein Sueve, mütterlicher-seits ein Gothe. Er verweigerte dem Avitus den Gehorsam, dieser entsagtedem Throne freiwillig und erhielt ein Bischofsamt (456). Von hier ablag die oberste Gewalt schon ganz in Ricimer's Händen, vom16. Oktober 456 bis zum 1. April 457, und wenn er sich zum Könige vonItalien proklamirt hätte, so würde das abendländische Kaiserreich schonda zu existiren aufgehört haben. Er hielt es für vortheilhafter für sichselbst, auf die Barbaren in demselben im Namen des von ihnen zumKaiser proklamirten Julius Major ianus, seines Freundes, Einflussauszuüben. Der Kaiser des oströmischen Reiches, Leo L, der im J. 457dem M^arcianus auf dem Throne nachgefolgt war, erkannte den Majoria-nus an, und Ricimer wurde zur Würde eines Patriciers erhoben.
Beide Höfe, der morgenländische wie der abendländische, hattenwohl erkannt, dass das Weströmische Reich nicht existiren konnte, wennes sich nicht Afrika zurückgewänne, den Kornboden Roms und Italiens,sie beschlossen daher, es mit vereinten Kräften den Vandalen zu ent-reissen. Majorian selbst befasste sich mit den Vorbereitungen dazu undentfaltete dabei ebensoviel Geschick wie Energie. Als aber Alles be-endet war, überfiel Geiserich 460 unvermuthet die im Hafen von Carta-gena liegende römische Flotte und verbrannte sie. Dieser Unfall wurdedurch seine Folgen noch wichtiger, weil Ricimer denselben zum SturzeMajorianus' ausnutzte. Indem er der Unfähigkeit desselben den Brandder Flotte zuschrieb, woran er doch gar keine Schuld hatte, bewog Rici-mer die Trivppen zur Absetzung Majorian's, am 2. August 461 wurde ergezwungen vom Throne zu steigen und 9 Tage darnach war er todt, —wahrscheinlich gewaltsamen Todes gestorben. Seit dieser Zeit bis zumNovember 461 gab es keinen Kaiser, Ricimer herrschte abermals allein,im November desselben Jahres wählte er den Vibius Severus,einen höchst unbedeutenden Menschen von Ungewisser Herkunft zumKaiser, der aber weder von den germanischen Heerkönigen, noch vonden römischen Statthaltern in Gallien und Dalmatien anerkannt wurde