234 IV. Von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
den, welche Armenien in Besitz genommen hatten und Klein-Asien be-drohten. Der Krieg zwischen Valens und Sapor um den Besitz desThrones von Armenien setzte sich 5 Jahre lang (370—375) ziemlich mattmit wechselndem Erfolge fort und erlosch von selbst ohne Resultat. Dersehr betagte Sapor fühlte nicht mehr die frühere Kraft und den altenEhrgeiz in sich, die Aufmerksamkeit des Valens und der Römer aber warschon vom Osten nach dem Westen gelenkt, wo der furchtbare Ein-fall der Hunnen bereits den Anfang der grossen Völkerwanderungankündigte.
Es wurde schon früher (§§ 396 und 402) angegeben, wie die Hunnenim J. 375 die Gothen in dem Gebiete zwischen Don und Theiss unter-worfen und wie die Westgothen von Valens die Erlaubniss erhaltenhatten, mit den Vandalen zusammen sich in Pannonien nieder zu lassen,wie dann aber in Folge der Bedrückungen, welche sie von den römischenStatthaltern und Beamten zu erleiden hatten, sie sich gegen die Römerempörten. Ein Theil der Ostgothen, welche vor den Hunnen geflohenund mit ihrem unmündigen Könige Witherich ohne die Einwilligungder römischen Machthaber auf das rechte Donauufer übergegangen waren,machte gemeinschaftliehe Sache mit ihnen. Die Einen wie die Andernstellten sich bei Marcianapolis auf. Der römische Statthalter Thraciens,Lupicinus, griff sie an, erlitt aber eine furchtbare Niederlage, undnun Hessen die Gothen für die an ihnen begangenen Ungerechtigkeitendie daran unschuldigen Einwohner von Thracien büssen. Mit ihnen ver-einten sich eine Menge Barbaren, sowohl solche, die früher sich in Thra-cien niedergelassen hatten oder in römischem Kriegsdienste standen, alsauch thracische Bergbewohner und Bergleute aus dem Hämus (Balkan),ja sogar Hunnen und Alanen von jenseits der Donau. Während desganzen Jahres 377 waren die Kriegsoperationen der Römer gegen sievollkommen erfolglos: die Gothen und die übrigen Völker mit ihnengingen über den Hämus und verwüsteten das Land bis nach Thessalienhin auf das Furchtbarste. Wenn nicht in Bälde ihren Verheerungenein Ende gemacht wurde, so mussten sie der Existenz des römischenReiches gefährlich werden. Deshalb brach im J. 378 Valens mit denasiatischen Legionen aus Asien nach Europa auf, Gratian aber zog vonWesten her ihm zu Hülfe. Aber noch bevor der Letztere heran war, griffValens von Ungeduld getrieben am 9. August 378 die Barbaren beiAdrianopel an und erlitt eine so schwere Niederlage, dass AmmianusMarcellinus sie mit der von Cannä vergleicht. Valens selber, ein grosserTheil der höheren Befehlshaber und zwei Drittel der römischen Armeefielen im Kampfe. Dieser schwere Schlag traf das römische Reich zueiner Zeit, als es sich schon nur mit Mühe noch aufrecht hielt. Aber wienach der Schlacht bei Cannä Rom durch Fabius gerettet ward, so jetzt